Das Morgenroth

Anastasius Grün

1806

Jüngst stand ich früh am Fenster. Vorüber trugen schwarze Männer ernst Im Morgenzwielicht einen off’nen Sarg.

Da flammt’ empor das Frühroth. Der Leiche Antlitz glomm nun rosigroth, Als sei nach kurzer Wand’rung rückgekehrt Das Leben ins vorschnell verlass’ne Haus.

Kalt strich des Frühroths Odem. Da hüllten sich, vor Kälte leichenblaß, Die Männer in die schwarzen Mäntel tief, Als wickle sie der Tod ins Leichentuch.

O wundervolles Frühroth! Dem Tode hauchst du Gluth ins welke Antlitz, Dem Leben hauchst du Eis in glüh’nde Pulse!

O wundervolle Liebe! Du hauchest Eis ins wunde Herz des Lebens, Daß es vor Frost zu Tode möcht’ erstarren! Dein schönstes Diadem schmückt oft erst Leichen, Dein wärmster Kuß schwelgt auf des Todes Lippen!

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Illustration zu Das Morgenroth

Interpretation

Das Gedicht "Das Morgenroth" von Anastasius Grün erzählt von einer morgendlichen Beobachtung, bei der der Erzähler Zeuge einer Trauerprozession wird. Im Zwielicht des Morgens tragen schwarze Männer einen offenen Sarg vorbei, was eine düstere und ernste Stimmung erzeugt. Die Szene wird durch den plötzlichen Aufgang der Morgensonne kontrastiert, die dem Gesicht der Leiche ein rosiges Leuchten verleiht. Dieses Bild suggeriert eine flüchtige Wiederkehr des Lebens, als ob es nach einer kurzen Reise in das Haus zurückkehrt, das es vorschnell verlassen hatte. Die Interpretation setzt sich fort mit der Beschreibung der Kälte, die vom Morgenrot ausgeht. Die Männer, nun leichenblass vor Kälte, hüllen sich in ihre schwarzen Mäntel, was an das Einwickeln in ein Leichentuch erinnert. Diese Kälte steht im Kontrast zur Glut, die das Morgenrot dem toten Gesicht verleiht. Das Gedicht spielt mit diesen Gegensätzen: dem Leben und dem Tod, der Wärme und der Kälte, und verdeutlicht die ambivalente Natur des Morgens, der sowohl Wärme als auch Kälte bringt. Im letzten Teil des Gedichts wird die Liebe als wundervolle, aber auch furchtbare Kraft dargestellt. Sie haucht dem Leben Eis ins Herz, was zu einem emotionalen Erfrieren führen kann, während sie gleichzeitig den Tod mit ihrem schönsten Diadem schmückt und ihre wärmsten Küsse auf den Lippen des Todes genießt. Die Liebe wird somit als eine Kraft dargestellt, die sowohl das Leben als auch den Tod berührt und beeinflusst, und die in ihrer Intensität sowohl lebensspendend als auch lebensbedrohend sein kann.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Leichenblaß
Bildsprache
Des Frühroths Odem
Hyperbel
Daß es vor Frost zu Tode möcht’ erstarren
Ironie
Dein wärmster Kuß schwelgt auf des Todes Lippen
Kontrast
Dem Tode hauchst du Gluth ins welke Antlitz, Dem Leben hauchst du Eis in glüh’nde Pulse
Metapher
Das Leben ins vorschnell verlass’ne Haus
Personifikation
Das Morgenroth
Symbolik
schwarze Mäntel