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Das Moor

Von

Oh du Geliebte, wenn ich je gedächte,
dich einem Erdendinge zu vergleichen,
so wählte ich den Berg unzähliger Leichen,
so wählte ich das Moor und seine Nächte.

Du schmutziger Knäuel bodenloser Schächte
verborgen unter sammetseidenweichen
und tief türkisenblaun Nymphäenteichen –
daß dich dein eigener Gestank umbrächte!

Denn arg hast du mein Tölpelherz verführt
mit deiner glatten Haut Melancholie
und deinem gramdurchtränkten Liebesschwure

und mitternachts mir einen Trank gerührt
aus Kot, Gestank und Teufelspoesie –
vergib mir! – oh vergib mir, große Hure!

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Gedicht: Das Moor von Gustav Sack

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Das Moor“ von Gustav Sack ist eine höchst ungewöhnliche Liebeserklärung, die von tiefer Verzweiflung und Hass gegenüber der geliebten Person zeugt. Die ungewöhnliche Wahl des Moores, eines Ortes des Verfalls und der Fäulnis, als Vergleich für die Geliebte deutet auf eine zutiefst negative, vielleicht sogar toxische Beziehung hin. Die Verwendung von Metaphern wie „Berg unzähliger Leichen“ und „schmutziger Knäuel bodenloser Schächte“ verstärkt den Eindruck von Grässlichkeit und Abstoßung, die der Dichter empfindet.

Die erste Strophe etabliert sofort eine Atmosphäre des Grauens und der Finsternis. Das Moor wird als Inbegriff des Hässlichen und Verrotteten dargestellt. Die Nymphäenteiche, die zunächst eine oberflächliche Schönheit suggerieren könnten, werden durch die Metapher „schmutziger Knäuel“ entlarvt und weisen auf das Verborgene, Abgründige unter der Oberfläche hin. Der Ausruf „daß dich dein eigener Gestank umbrächte!“ drückt den Wunsch nach Zerstörung und Auflösung der geliebten Person aus. Dieser Wunsch wird von tiefem Schmerz getragen, der sich in der Wahl dieses verstörenden Vergleichs ausdrückt.

Die zweite Strophe offenbart die Gründe für die Verzweiflung des Dichters. Die geliebte Person hat ihn mit ihrer „glatten Haut Melancholie“ verführt und mit „gramdurchtränkten Liebesschwure“ gebunden. Die Metapher des „Trank[s] aus Kot, Gestank und Teufelspoesie“ symbolisiert die zerstörerische Kraft der Liebe, die den Dichter in einen Zustand der Verzweiflung gebracht hat. Die Liebe, die hier beschrieben wird, ist nicht romantisch oder erhebend, sondern eine Vergiftung, die den Dichter in einen Abgrund stürzt. Die Metapher ist stark und lässt an die zerstörerische Kraft von Teufelskräften denken.

Der letzte Vers, „vergib mir! – oh vergib mir, große Hure!“, ist ein schmerzvoller Ausdruck der Hingabe und gleichzeitig der Verachtung. Die Anrede „große Hure“ ist ein extremer Ausdruck von Wut und Erniedrigung, der die tiefe Verletzung des Dichters verdeutlicht. Gleichzeitig ist es auch eine Art der Unterwerfung, die zeigt, dass der Dichter trotz des Hasses und der Abstoßung nicht von der geliebten Person loskommt. Das Gedicht endet mit einer paradoxen Mischung aus Vergebung und Verdammnis, die die zerrissene Seele des Dichters widerspiegelt.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.