Das Mährchen vom Reichthum und der Noth
1830‘S war einmal Bruder und Schwester: Der Reichthum und die Noth; Er schwelgte in tausend Genüßen, Sie hatte kaum trocken Brot.
Die Schwester diente beim Bruder Viel Hundert Jahre lang; Ihn rührt es nicht, wenn sie weinte, Noch wenn sie ihr Leiden besang.
Er fluchte und trat sie mit Füßen; Er schlug ihr in’s sanfte Gesicht; Sie fiel auf die Erde und flehte: Hilfst du, o Gott, mir nicht?
Wie wird das Lied wohl enden? Das ist ein traurig Lied! Ich will’s nicht weiter hören, Wenn Nichts für die Schwester geschieht!
Das ist das Ende vom Liede, Vom Reichthum und der Noth: An einem schönen Morgen Schlug sie ihren Bruder todt.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Märchen vom Reichthum und der Noth" von Adolf Glaßbrenner erzählt die tragische Geschichte zweier Geschwister, die die Gegensätze von Reichtum und Armut verkörpern. Der Reichtum genießt ein luxuriöses Leben, während die Not um ihr Überleben kämpfen muss. Die Not dient dem Reichtum seit Hunderten von Jahren, doch dieser zeigt keinerlei Mitgefühl oder Empathie für das Leid seiner Schwester. Der Reichtum misshandelt die Not sogar körperlich, ohne Reue oder Schuldgefühle zu zeigen. Die Not fleht um göttliche Hilfe, doch es scheint, als ob ihre Gebete ungehört verhallen. Der Erzähler des Gedichts zeigt sich besorgt über das traurige Schicksal der Not und fordert ein Ende des Leids, wenn nichts für die Schwester unternommen wird. Die Not, die am Ende ihrer Kräfte angelangt ist, beschließt, die Situation selbst in die Hand zu nehmen und ihren Bruder zu töten. Das Gedicht endet mit einem überraschenden und schockierenden Schluss: Die Not tötet den Reichtum und beendet somit ihr jahrelanges Leid. Diese radikale Handlung symbolisiert die ultimative Konsequenz aus der Ungerechtigkeit und dem Missbrauch, den die Not durch den Reichtum erlitten hat. Das Gedicht wirft Fragen nach der Verantwortung des Einzelnen und der Gesellschaft auf und regt zum Nachdenken über die Auswirkungen von Reichtum und Armut an.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Sie fiel auf die Erde und flehte: Hilfst du, o Gott, mir nicht?
- Ausruf
- Das ist ein traurig Lied!
- Bildsprache
- Er fluchte und trat sie mit Füßen; Er schlug ihr in's sanfte Gesicht
- Direkte Ansprache
- Ich will's nicht weiter hören, Wenn Nichts für die Schwester geschieht!
- Hyperbel
- Viel Hundert Jahre lang
- Kontrast
- Er schwelgte in tausend Genüßen, Sie hatte kaum trocken Brot
- Metapher
- Sie hatte kaum trocken Brot
- Personifikation
- Der Reichthum und die Noth
- Prognose
- Das ist das Ende vom Liede, Vom Reichthum und der Noth: An einem schönen Morgen Schlug sie ihren Bruder todt
- Rhetorische Frage
- Wie wird das Lied wohl enden?