Das Mährchen vom Geist

Adolf Glaßbrenner

1870

Den verdammten Kerl, den Geist, Müssen wir doch kriegen, Daß dem Demagogen nicht Wir noch unterliegen! Zehn Mal Hunderttausend Mann! Auf, Soldaten, drauf und dran! Ladet die Gewehre, Rettet unsre Ehre!

Und sie schießen wuthentbrannt Selbst sich todt, die Blinden; Sie vernichten Stadt und Land: Geist - ist nicht zu finden.

Das hier ist die letzte Stadt, Hier müßt ihr ihn fassen! Seht! verwegen hüpft er dort Munter durch die Gassen. Polizei, entwickle dich! Du ergreifst ihn sicherlich! Ist er dein geworden, Schmücke dich ein Orden.

Geist schaut dort, im letzten Haus, Aus dem Erkerstübchen, Lachet die Spione aus Und schabt ihnen Rübchen.

Jetzt entwischt er uns nicht mehr, Jetzt ist er gefangen! Morgen soll der Bösewicht Schon am Galgen hangen. Schnell die Stufen hier hinauf! Hurtig, sprengt die Thüre auf! Greift den Kerl, da sitzt er! Aus den Augen blitzt er!

Geist schlüpft in ein kleines Buch, Deckt sich zu mit Lettern; Sicher ist er da genug, Wie sie spähn und blättern.

Schließt das Buch und bindet’s zu! Ohne zu bekennen Soll er auf dem Markt sogleich Mit dem Buch verbrennen! Richtet mir den Holzstoß her! Auf, Soldaten, in’s Gewehr! Lodert, lodert, Flammen! Gott soll ihn verdammen!

Wundersame Melodien Hört die stumme Menge, Und in alle Herzen ziehn Jene Zauberklänge.

Plötzlich donnert’s durch den Dampf Wie ein fern Gewitter; Lichtumflossen steigt empor Draus ein goldner Ritter. Auf, ihr Völker! ruft er laut, Auf zum Freiheitskriege! Wer dem ew’gen Geist vertraut, Den führt er zum Siege!

Moral:

Wie sie martern ihn und wie Trachten nach dem Leben: Gott der Herr wird nun und nie Seinen Geist aufgeben.

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Illustration zu Das Mährchen vom Geist

Interpretation

Das Gedicht "Das Mährchen vom Geist" von Adolf Glaßbrenner erzählt die Geschichte eines Geistes, der von verschiedenen Gruppen gejagt wird. Die erste Szene zeigt eine Armee, die den Geist jagt, um nicht von den Demagogen unterworfen zu werden. Die Soldaten schießen blindwütig und zerstören dabei Stadt und Land, aber der Geist bleibt unauffindbar. In der zweiten Szene versucht die Polizei, den Geist in der letzten Stadt zu fassen. Der Geist zeigt sich spöttisch und entkommt erneut, indem er sich in ein Buch flüchtet. Die Polizei findet ihn nicht und beschließt, das Buch mit dem Geist darin zu verbrennen. Die letzte Szene zeigt die Verbrennung des Buches. Wundersame Melodien ertönen und ein goldener Ritter steigt aus den Flammen empor. Er ruft die Völker auf, für die Freiheit zu kämpfen und verspricht, wer dem ewigen Geist vertraut, werde zum Sieg geführt. Die Moral des Gedichts besagt, dass Gott den Geist niemals aufgeben wird, egal wie sehr man ihn quält und nach seinem Leben trachtet. Der Geist steht hier symbolisch für die Freiheit und den Kampf gegen Unterdrückung.

Schlüsselwörter

geist soll buch kerl soldaten stadt lodert gott

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Stilmittel

Alliteration
Polizei, entwickle dich!
Anapher
Auf, Soldaten, drauf und dran! / Ladet die Gewehre, / Rett unsre Ehre!
Hyperbel
Zehn Mal Hunderttausend Mann!
Ironie
Und sie schießen wuthentbrannt / Selbst sich todt, die Blinden
Metapher
Plötzlich donnert's durch den Dampf
Personifikation
Gott der Herr wird nun und nie / Seinen Geist aufgeben
Reimschema
AABB
Symbolik
Wie ein fern Gewitter