Das Mädchen spricht
1946Es spürt mich Einer in allem Rosenduft, Ahne ich manchmal. Und er sucht mich auch In Fliederblüten und den blauen Glocken. Aber ich weiß mich selber nicht.
Ich will ihm gerne beide Hände reichen; Nur meine Glieder sind so unbeschwert, Daß ich mir immer wie ein Wind entgleite. Ich glaube, daß ich noch nicht geboren bin.
Einmal aber werde ich sein. Ganz plötzlich. Wie von einem Stern Der helle Stein zur Erde fällt, Wird tief mein Name in ihn fallen.
Der vordem ging durch alle Gärten schwer Und träumte mich, gab mir Gesicht Und Leib und Lächeln, als er gläubig rief: Ich fand mich atmen. Und erstaunte tief.
Aber es hängt vor allem Frühling Ein sanfter Schleier wie Herbst. Oder wurden meine Augen grau? Nie blendet mich der Tag.
Ward ich der blassen Erde zart vertraut, Oh unsrer Liebe nahe Bitternis! Einmal werd ich der tiefste Schatten sein, Der sie befiel.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Mädchen spricht" von Maria Luise Weissmann handelt von einer weiblichen Identitätssuche und der Sehnsucht nach Selbstfindung. Die Sprecherin fühlt sich von einem unbekannten "Einen" wahrgenommen, der sie in der Natur sucht, doch sie selbst weiß nicht, wer sie ist. Sie beschreibt sich als unbeschwert und flüchtig, fast wie ein Wind, der sich entgleitet. Die Sprecherin glaubt, noch nicht geboren zu sein und erwartet einen Moment, in dem sie plötzlich existieren wird, wie ein Stein, der vom Stern zur Erde fällt. In der zweiten Strophe wird deutlich, dass die Sprecherin sich erst durch die Anwesenheit des "Einen" findet. Sie beschreibt, wie dieser durch die Gärten geht, von ihr träumt und ihr durch seinen gläubigen Ruf Gesicht, Leib und Lächeln gibt. Die Sprecherin ist erstaunt über ihre eigene Existenz und das Atmen. Doch in der dritten Strophe trübt sich die Stimmung. Ein sanfter Schleier wie Herbst hängt über allem Frühling, und die Sprecherin fragt sich, ob ihre Augen grau geworden sind. Sie fühlt sich der blassen Erde verbunden und ahnt eine "nahe Bitternis" ihrer Liebe. Am Ende des Gedichts verkündet die Sprecherin, dass sie einmal der tiefste Schatten sein wird, der die Erde befällt. Das Gedicht thematisiert die Suche nach der eigenen Identität und die Rolle des anderen Geschlechts bei der Selbstfindung. Die Sprecherin fühlt sich zunächst als ungeboren und flüchtig, findet sich aber durch die Anwesenheit des "Einen". Doch diese Selbstfindung ist von Melancholie und einem Gefühl des Verlustes begleitet. Die Sprecherin wird am Ende zu einem Schatten, der die Erde befällt, was auf eine tiefe Traurigkeit und Resignation hindeutet. Das Gedicht vermittelt eine ambivalente Stimmung zwischen der Hoffnung auf Selbstfindung und der Ahnung von Verlust und Dunkelheit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Ich fand mich atmen
- Metapher
- Einmal werd ich der tiefste Schatten sein, Der sie befiel
- Personifikation
- Es spürt mich Einer in allem Rosenduft
- Rhetorische Frage
- Oder wurden meine Augen grau?
- Symbolik
- mein Name in ihn fallen
- Vergleich
- Wie von einem Stern Der helle Stein zur Erde fällt