Das Mädchen im Kampf mit sich selbst

Friedrich Hebbel

1911

Schweigend sinkt die Nacht hernieder, Und in tiefster Dunkelheit Löst das Mädchen ihre Glieder Aus dem engen Sonntagskleid. Aber ihre Hände irren Bei den Locken dann und wann, Und um diese zu entwirren, Zündet sie ihr Lämpchen an.

Schüchtern nun bei seinem Strahle Schaut sie in des Spiegels Rund, Und ihr tut zum ersten Male Ihrer Schönheit Macht sich kund. Tief errötend, dennoch zaudernd, Blickt sie fort und fort hinein; Dann, wie vor sich selbst erschaudernd, Löscht sie schnell der Lampe Schein.

Leise in sich selbst versinkend Und aus eignen Zaubers Glanz Inniges Genügen trinkend, Ist sie still und selig ganz. Doch sie will die Lust bezwingen, Weil sie aus ihr selber quillt, Da verklärt dies holde Ringen Mailich süß ihr frommes Bild.

Und sie sieht′s mit halbem Bangen, Daß, je mehr sie sich verdammt, Ihr′s von Stirn und Mund und Wangen Immer sternenhafter flammt. Gottes eigner Finger leuchtet Golden durch ihr Angesicht, Und so wie ihr Blick sich feuchtet, Löscht ihr Hauch zugleich das Licht.

Doch zu nie erschöpftem Segen Wird dies heilige Empfinden Auch ihr Innerstes erregen Und im Maß der Schönheit binden;

Aug′ in Aug′ mit sich im Spiegel, Feite sie sich selbst auf immer; Unzerbrechlich ist das Siegel, Wie auch lockt der Erde Schimmer.

Diese wunderbaren Formen, Die des Leibes Bau ihr schmücken, Werden die verwandten Normen Auch in ihre Seele drücken;

Und so wird ihr innres Leben All die Harmonie erwidern, Die sie mit geheimem Beben Angeschaut in Leib und Gliedern.

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Illustration zu Das Mädchen im Kampf mit sich selbst

Interpretation

Das Gedicht "Das Mädchen im Kampf mit sich selbst" von Friedrich Hebbel erzählt von einem jungen Mädchen, das in der Stille der Nacht vor einem Spiegel steht und zum ersten Mal seine eigene Schönheit bewusst wahrnimmt. In einem inneren Konflikt ringt es zwischen der Anerkennung seiner äußeren Erscheinung und dem Wunsch, diese als unbedeutend abzutun. Das Mädchen erlebt eine tiefe, fast religiöse Erfahrung der Selbstbegegnung, die es zugleich verzaubert und beunruhigt. Hebbel schildert diesen Moment als eine Art Initiationsritus, bei dem das Mädchen durch die Konfrontation mit seiner eigenen Spiegelung eine neue Ebene der Selbstwahrnehmung erreicht. Die Schönheit wird hier nicht nur als äußere Erscheinung, sondern als Ausdruck einer inneren Harmonie und Vollkommenheit dargestellt. Das Gedicht endet mit der Hoffnung, dass diese Erfahrung das Mädchen für immer prägen und seine Seele mit den "wunderbaren Formen" seines Körpers in Einklang bringen wird. Hebbel deutet an, dass diese Begegnung mit der eigenen Schönheit eine transformative Kraft besitzt, die das Mädchen zu einem tieferen Verständnis seiner selbst und seiner Stellung in der Welt führen kann.

Schlüsselwörter

selbst schönheit fort löscht aug schweigend sinkt nacht

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Aug' in Aug' mit sich
Bildsprache
Leise in sich selbst versinkend
Hyperbel
Gottes eigner Finger leuchtet
Kontrast
Unzerbrechlich ist das Siegel / Wie auch lockt der Erde Schimmer
Metapher
Ihr Innerstes erregen
Personifikation
Die Lust bezwingen
Symbolik
Spiegel
Wiederholung
Und so wird ihr innres Leben