Das Mädchen auf dem Eurotas
1804Schwankend auf der Spiegelwelle Tanzt der leichtbewegte Kahn: Wie so freundlich, klar und helle! Bald hinunter, bald hinan! Wie die alte liebe Sonne Nieder aus dem Aether quillt, Und mit junger Lebenswonne Den erwärmten Busen füllt!
Und die Lämmer, wie sie klettern Um die vollen Hügel hin! Unter grünen Lorbeerblättern Zarte weiße Schwäne ziehn! Und der Berge Duftgestalten Wie mit weichem Liebes-Kuß In der Ferne sich entfalten Ueber′m blauen Königsfluß!
Ach! was ist′s, das aus dem Laube Sanft und mild herüberschwirrt, Zärtlich, wie die Turteltaube, Die aus grüner Myrrthe girrt? Aus der Nähe, aus der Ferne, Aus dem Schatten, aus dem Licht, Wie die Bilder blasser Sterne, Zum verwandten Herzen spricht?
Ach! die Arme kann′s nicht sagen, Wenn′s auch tief im Busen wallt, Und mit leisen Liebesklagen Weinend durch die Seele hallt, Wie des Windes stilles Fächeln, Der um Zweig und Blatt sich regt, Blumen, die im Thale lächeln, Gräschen auf der Au′ bewegt.
Nenn′ ich es ein heilig Glühen, Das an Wesen Wesen zwingt, Und den Keim zum heitern Blühen, Und das Kind zur Mutter bringt? Ist′s der Himmelslaut der Liebe, Der das Innerste durchklingt, Und mit namenlosem Triebe Herz an Herz zusammenschlingt?
Was ich ahnte, was ich fühlte, Noch als kaum entquoll′nes Kind, Was mir meine Wangen kühlte, Ach so oft und doch so lind! Was mir zart, wie Mondlicht, webend Oft ins nasse Auge kam, Und wie Lindenblüthe, bebend Durch den off′nen Busen schwamm,
Naht es nun mit leisem Wogen, Stillt es nun mein weinend Herz? Ach! ich ward so oft betrogen, Und er ist so tief, mein Schmerz! Und so glühend ist mein Sehnen! Ahn′ ich, ahn′ ich deine Spur? Ist mein Hoffen, ist′s kein Wähnen, Ew′ge heilige Natur?
Diese Ruhe, diese Stille! Ja du bist es! Welche Lust! Welche zarte Liebesfülle An der warmen Mutterbrust! Wie ein ausgehaucht Verlangen, Liegt vor mir die volle Flur! Daß ich könnte dich umfangen, Ew′ge, heilige Natur!
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Interpretation
Das Gedicht "Das Mädchen auf dem Eurotas" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt eine idyllische und romantische Szene entlang eines Flusses, wahrscheinlich des Eurotas in Griechenland. Die erste Strophe schildert einen leichten Kahn, der auf der Spiegelwelle tanzt, begleitet von der klaren und hellen Sonne, die den erwärmten Busen mit junger Lebenswonne füllt. Die zweite Strophe setzt diese Beschreibung fort, indem sie Lämmer auf den Hügeln, Schwäne unter Lorbeerblättern und den Duft der Berge in der Ferne erwähnt. Die dritte und vierte Strophe wechseln zu einem introspektiveren Ton, in dem der Sprecher über die Natur der Liebe und des Verlangens nachdenkt. Es wird eine geheimnisvolle, sanfte Präsenz beschrieben, die aus dem Laub herüberweht und das Herz anspricht. Der Sprecher ringt mit der Unfähigkeit, diese Gefühle in Worte zu fassen, und vergleicht sie mit dem stillen Fächeln des Windes oder dem Lächeln der Blumen im Tal. In den letzten Strophen sucht der Sprecher nach einer Erklärung für diese tiefen, namenlosen Triebe und Gefühle. Es wird gefragt, ob es ein heiliges Glühen ist, das Wesen an Wesen bindet, oder der Himmelslaut der Liebe, der das Innerste durchklingt. Der Sprecher reflektiert über Kindheitserinnerungen und die Zärtlichkeit, die er empfunden hat, und fragt sich, ob diese Empfindungen nun wiederkehren und sein weinendes Herz stillen können. Das Gedicht endet mit einer fast ekstatischen Anerkennung der ewigen, heiligen Natur, die dem Sprecher Ruhe und Stille schenkt und eine tiefe, liebevolle Verbindung zur Welt um ihn herum herstellt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Welche zarte Liebesfülle / An der warmen Mutterbrust
- Anapher
- Ach! was ist′s, das aus dem Laube / Sanft und mild herüberschwirrt
- Bildsprache
- Und wie Lindenblüthe, bebend / Durch den off′nen Busen schwamm
- Hyperbel
- Und so glühend ist mein Sehnen
- Metapher
- Schwankend auf der Spiegelwelle / Tanzt der leichtbewegte Kahn
- Personifikation
- Und die Lämmer, wie sie klettern / Um die vollen Hügel hin
- Rhetorische Frage
- Nenn′ ich es ein heilig Glühen, / Das an Wesen Wesen zwingt
- Vergleich
- Zärtlich, wie die Turteltaube, / Die aus grüner Myrrthe girrt