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Das Mädchen auf dem Eurotas

Von

Schwankend auf der Spiegelwelle
Tanzt der leichtbewegte Kahn:
Wie so freundlich, klar und helle!
Bald hinunter, bald hinan!
Wie die alte liebe Sonne
Nieder aus dem Aether quillt,
Und mit junger Lebenswonne
Den erwärmten Busen füllt!

Und die Lämmer, wie sie klettern
Um die vollen Hügel hin!
Unter grünen Lorbeerblättern
Zarte weiße Schwäne ziehn!
Und der Berge Duftgestalten
Wie mit weichem Liebes-Kuß
In der Ferne sich entfalten
Ueber′m blauen Königsfluß!

Ach! was ist′s, das aus dem Laube
Sanft und mild herüberschwirrt,
Zärtlich, wie die Turteltaube,
Die aus grüner Myrrthe girrt?
Aus der Nähe, aus der Ferne,
Aus dem Schatten, aus dem Licht,
Wie die Bilder blasser Sterne,
Zum verwandten Herzen spricht?

Ach! die Arme kann′s nicht sagen,
Wenn′s auch tief im Busen wallt,
Und mit leisen Liebesklagen
Weinend durch die Seele hallt,
Wie des Windes stilles Fächeln,
Der um Zweig und Blatt sich regt,
Blumen, die im Thale lächeln,
Gräschen auf der Au′ bewegt.

Nenn′ ich es ein heilig Glühen,
Das an Wesen Wesen zwingt,
Und den Keim zum heitern Blühen,
Und das Kind zur Mutter bringt?
Ist′s der Himmelslaut der Liebe,
Der das Innerste durchklingt,
Und mit namenlosem Triebe
Herz an Herz zusammenschlingt?

Was ich ahnte, was ich fühlte,
Noch als kaum entquoll′nes Kind,
Was mir meine Wangen kühlte,
Ach so oft und doch so lind!
Was mir zart, wie Mondlicht, webend
Oft ins nasse Auge kam,
Und wie Lindenblüthe, bebend
Durch den off′nen Busen schwamm,

Naht es nun mit leisem Wogen,
Stillt es nun mein weinend Herz?
Ach! ich ward so oft betrogen,
Und er ist so tief, mein Schmerz!
Und so glühend ist mein Sehnen!
Ahn′ ich, ahn′ ich deine Spur?
Ist mein Hoffen, ist′s kein Wähnen,
Ew′ge heilige Natur?

Diese Ruhe, diese Stille!
Ja du bist es! Welche Lust!
Welche zarte Liebesfülle
An der warmen Mutterbrust!
Wie ein ausgehaucht Verlangen,
Liegt vor mir die volle Flur!
Daß ich könnte dich umfangen,
Ew′ge, heilige Natur!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Das Mädchen auf dem Eurotas von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Das Mädchen auf dem Eurotas“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine poetische Reflexion über die Natur, Liebe und das menschliche Empfinden. Es zeichnet sich durch eine melancholische Sehnsucht und eine tiefe Verbundenheit mit der Natur aus, die als Spiegel der eigenen Gefühle dient. Das Gedicht beginnt mit einer idyllischen Beschreibung der Landschaft, die durch das sanfte Spiel des Wassers, das Sonnenlicht und die lebendige Flora und Fauna geprägt ist. Diese harmonische Szenerie wird jedoch von einer unterschwelligen Unruhe und der Suche nach einem tieferen Verständnis begleitet.

Die zweite Hälfte des Gedichts ist von einer intensiven Suche nach der Natur, die als Metapher für die ewige Liebe dient, geprägt. Waiblinger stellt Fragen nach dem Ursprung dieser tiefen Emotionen und versucht, sie in den Bildern der Natur zu finden. Er beschreibt das „heilige Glühen“, das Wesen an Wesen bindet und den „Himmelslaut der Liebe“, der das Innere durchdringt. Diese Zeilen deuten auf eine spirituelle Dimension hin, in der die Natur als Quelle der Liebe und des Trostes betrachtet wird. Die Autorin deutet an, dass die Natur der Schlüssel zum Verständnis der Liebe und zur Linderung des Schmerzes sein könnte.

Die melancholische Stimmung des Gedichts wird durch die wiederkehrenden Fragen und die Unsicherheit über die Erfüllung der Sehnsucht verstärkt. Waiblinger erinnert sich an frühere Erfahrungen, an die „Tränen“ und die „Enttäuschungen“ und drückt die Furcht aus, erneut betrogen zu werden. Diese Elemente erzeugen eine Spannung zwischen dem Wunsch nach Glück und der Erfahrung von Leid und Verlust. Gleichzeitig offenbart das Gedicht eine tiefe Sehnsucht nach der Natur und eine Hoffnung auf Trost und Erfüllung.

Im letzten Abschnitt wird diese Sehnsucht nach Liebe und Natur in einer ekstatischen Vereinigung zum Ausdruck gebracht. Die Natur wird als „ewige, heilige Natur“ angesprochen und personifiziert, als ob sie die Antwort auf die Fragen des Dichters enthält. Die Autorin drückt den Wunsch aus, die Natur zu umarmen und in sie einzugehen, was eine tiefe emotionale Verbundenheit und das Gefühl der Vollkommenheit vermittelt. Dies deutet darauf hin, dass die Natur nicht nur als Spiegelbild der eigenen Gefühle, sondern auch als Quelle von Trost, Heilung und Erleuchtung betrachtet wird.

Insgesamt ist „Das Mädchen auf dem Eurotas“ ein romantisches Gedicht, das die tiefe Verbundenheit zwischen Mensch und Natur, die Suche nach Liebe und die Auseinandersetzung mit Schmerz und Sehnsucht thematisiert. Die poetische Sprache, die Bilder der Natur und die melancholische Stimmung erzeugen eine Atmosphäre der Intimität und laden den Leser ein, die eigenen Gefühle und Erfahrungen zu reflektieren. Die Natur wird zu einem Spiegelbild der eigenen Emotionen, zur Quelle des Trostes und zur ewigen Wahrheit, die in der Liebe gefunden werden kann.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.