Das Liedlein vom Kirschbaum

Johann Peter Hebel

1872

Der lieb Gott het zum Früehlig gseit: “Gang, deck im Würmli au si Tisch!” Druf het der Chriesbaum Blätter treit, vil tausig Blätter grün und frisch. Und ′s Würmli us em Ei verwacht′s, s het gschlofen in sim Winterhus. Es streckt si, und sperrt ′s Müüli uf und ribt die blöden Augen us. Und druf se het′s mit stillem Zahn am Blättli gnagt enanderno und gseit: “Wie isch das Gmües so guet! Me chunnt schier nimme weg dervo.” Und wieder het der lieb Gott gseit: “Deck jez im Immli au si Tisch.” Druf het der Chriesbaum Blüte treit, viel tausig Blüte wiiß und frisch. Und ′s Immli sieht′s und fliegt druf los, früeih in der Sunne Morgeschin. Er denkt: “Das wird mi Caffi si; si henn doch chosper Porzelin. Wie sufer sin die Chächeli gschwenkt” Es streckt si troche Züngli dri. Es trinkt und seit: “Wie schmeckt′s so süß, do muß der Zucker wohlfel si.” Der lieb Gott het zum Summer gseit: “Gang, deck im Spätzli au si Tisch!” Druf het der Chriesbaum Früchte treit, viel tausig Chriesi rot und frisch. Und ′s Spätzli seit: “Isch das der Bricht? Do sitzt me zu, und frogt nit lang. Das git mer Chraft in Mark und Bei und stärcht mer d′Stimm zum neue Gsang.” Der lieb Gott het zum Spötlig gseit: “Ruum ab, sie hen jez alli gha!” Druf het e chüele Bergluft gweiht, und ′s het scho chleini Rife gha. Und d′Blättli werde gel und rot und fallen eis im andere no, und was vom Boden obsi chunnt, mueß au zum Bode nidsi go. Der lieb Gott het zum Winter gseit: “Deck weidli zu, was übrig ist.” Druf het der Winter Flocke gstreut -

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Illustration zu Das Liedlein vom Kirschbaum

Interpretation

Das Gedicht "Das Liedlein vom Kirschbaum" von Johann Peter Hebel beschreibt den Lebenszyklus eines Kirschbaums durch die Jahreszeiten, wobei jeder Abschnitt mit einem göttlichen Auftrag beginnt. Der Kirschbaum wird zum Lebensraum für verschiedene Tiere und Insekten, die sich von seinen Blättern, Blüten und Früchten ernähren. Der Wurm frisst die Blätter, die Biene sammelt Nektar aus den Blüten, und der Spatz genießt die Früchte. Jedes dieser Tiere drückt seine Zufriedenheit mit der Nahrung aus, die der Baum bietet. Im Herbst verändert sich die Szene, als der Spötter den Baum auffordert, sich zu leeren, was den Einzug des Winters symbolisiert. Die Blätter färben sich gelb und rot und fallen zu Boden, was den natürlichen Zyklus von Wachstum und Verfall darstellt. Der Kirschbaum steht nun kahl da, und der Winter bedeckt ihn mit Schnee, was den Abschluss des Jahreszyklus markiert. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass alles, was aufsteigt, auch wieder zur Erde zurückkehrt, was die Vergänglichkeit des Lebens unterstreicht. Hebels Gedicht vermittelt eine tiefe Verbundenheit mit der Natur und den Jahreszeiten, wobei der Kirschbaum als zentrales Element dient. Die verschiedenen Tiere und Insekten, die den Baum nutzen, symbolisieren die Vielfalt des Lebens und die Abhängigkeit der Lebewesen voneinander. Der göttliche Auftrag, der den Jahreszeitenwechsel einleitet, verleiht dem Gedicht eine spirituelle Dimension und betont die Ordnung und den Sinn im Kreislauf der Natur.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Druf het der Winter Flocke gstreut -
Personifikation
Der lieb Gott het zum Winter gseit: 'Deck weidli zu, was übrig ist.'