Das Lied
1933Es fuhr ein knecht hinaus zum wald. Sein bart war noch nicht flück. Er lief sich irr im wunderwald. Er kam nicht mehr zurück.
Das ganze dorf zog nach ihm aus Vom früh- zum abendrot Doch fand man nirgends seine spur. Da gab man ihn für tot.
So flossen sieben jahr dahin. Und eines morgens stand Auf einmal wieder er vorm dorf Und ging zum brunnenrand.
Sie fragten wer er wär und sahn Ihm fremd ins angesicht. Der vater starb die mutter starb Ein andrer kannt ihn nicht.
Vor tagen hab ich mich verirrt. Ich war im wunderwald. Dort kam ich recht zu einem fest. Doch heim trieb man mich bald. Die leute tragen güldnes haar Und eine haut wie schnee. So heissen sie dort sonn und mond So berg und tal und see.
Da lachten all: in dieser früh Ist er nicht weines voll. Sie gaben ihm das vieh zur hut Und sagten er ist toll.
So trieb er täglich in das feld Und sass auf einem stein Und sang bis in die tiefe nacht Und niemand sorgte sein.
Nur kinder horchten seinem lied Und sassen oft zur seit. Sie sangens als er lang schon tot Bis in die spätste zeit.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Lied" von Stefan George erzählt die mystische Geschichte eines Knechts, der in einen Wunderwald vordringt und dort für sieben Jahre verschwindet. Der Wald symbolisiert einen Übergang in eine andere, möglicherweise übernatürliche Welt, aus der der Knecht verändert zurückkehrt. Seine physische Rückkehr steht im Kontrast zu seiner geistigen Abwesenheit, da ihn niemand mehr erkennt. Dies deutet auf eine tiefe Transformation hin, die ihn von seiner ursprünglichen Identität und Gemeinschaft entfremdet. In der zweiten Phase des Gedichts berichtet der Knecht von seinen Erlebnissen im Wunderwald, wo er auf ein Fest stößt und auf goldhaarige, schneeweiße Menschen trifft, die nach natürlichen Elementen benannt sind. Diese Begegnung deutet auf eine mythische oder traumhafte Dimension hin, in der die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. Die Zurückweisung durch die Dorfbewohner, die ihn für verrückt halten, unterstreicht die Kluft zwischen seiner inneren Erfahrung und der äußeren Wahrnehmung. Der letzte Teil des Gedichts zeigt den Knecht als einsamen Sänger, der bis in die Nacht hinein auf einem Stein sitzt und singt. Seine Lieder finden nur bei den Kindern Anklang, die seine Visionen teilen und sie sogar nach seinem Tod weitertragen. Dies deutet darauf hin, dass die wahre Bedeutung seiner Erfahrung nur von denen verstanden wird, die noch unberührt von der Skepsis des Erwachsenenalters sind. Das Gedicht endet mit einem Hauch von Melancholie, da die tiefe Verbindung des Knechts zur mystischen Welt von der Gemeinschaft nicht anerkannt wird, aber in den Herzen der Kinder weiterlebt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Sie sangens als er lang schon tot Bis in die spätste zeit.
- Hyperbel
- Das ganze dorf zog nach ihm aus Vom früh- zum abendrot
- Kontrast
- Sie fragten wer er wär und sahn Ihm fremd ins angesicht.
- Metapher
- So trieb er täglich in das feld Und sass auf einem stein
- Personifikation
- Doch fand man nirgends seine spur.
- Symbolik
- Nur kinder horchten seinem lied
- Wiederholung
- Die leute tragen güldnes haar Und eine haut wie schnee.