Das Lied von der verunglückten Kartoffel
1845Zur Nacht auf ihrem Lager lag Eine arme, kranke Kartoffel. Sie hob sich matt empor und sprach, Sie sprach zu dem armen Stoffel:
“O Stoffel, unglücksel´ger Mann, Ich fühl´s, daß ich sterben werde! Schon kommt der Tod, der schlimme, heran Und rafft mich von der Erde.
Zwar frag ich nach mir selber nicht, Nicht will ich mich bedauern. Doch wenn ich schaue dein bleich Gesicht, Da muß ich trauern und trauern.
Dir blüht kein Wein und Weizen nicht, Hast weder Ochs noch Rinder. O Stoffel, du bist ein armer Wicht, Du hast nur hungrige Kinder.
Was wird aus deinen Kindern nun, Die fröhling waren noch gestern, Wenn ich bald werde im Grabe ruhn Mit all meinen lieblichen Schwestern?
Sie starben in Ober- und Niederland, Sie starben mit Weh und Gewinsel; Sie starben an Englands weißem Strand Und auf der smaragdnen Insel.
Sie starben; und ach, ich folg ihnen nach! So sorach die kranke Kartoffel. Sie schwieg, und das Herz, das Herz ihr brach - Auf schluchzte der arme Stoffel.
Und weinte die Nacht mit Weib und Kind, Und der Hunger, der wollte nicht weichen. Dumpf brauste der kalte Novemberwind In den prächtigen deutschen Eichen.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Lied von der verunglückten Kartoffel" von Georg Ludwig Weerth handelt von einer kranken Kartoffel, die ihrem Besitzer, dem armen Stoffel, ihr bevorstehendes Sterben ankündigt. Die Kartoffel zeigt dabei eine unerwartete Empathie und Sorge um das Schicksal des Stoffels und seiner hungrigen Kinder, die ohne die Kartoffeln als Nahrungsquelle in Not geraten werden. Die Kartoffel berichtet von dem Tod ihrer Schwestern in verschiedenen Ländern, was auf die damalige Hungersnot durch die Kartoffelfäule anspielt. Die Krankheit hatte zu einer verheerenden Hungersnot geführt, die vor allem in Irland, aber auch in anderen Teilen Europas, zahlreiche Opfer forderte. Die Kartoffel ahnt, dass sie ihrem tragischen Schicksal nicht entgehen kann und folgt dem Beispiel ihrer Schwestern in den Tod. Der Stoffel und seine Familie brechen angesichts der Nachricht in Tränen aus, da sie wissen, dass der Hunger nun nicht mehr von ihnen weichen wird. Das Gedicht endet mit einem düsteren Bild des kalten Novemberwinds, der in den prächtigen deutschen Eichen braust und die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung der Menschen in dieser Zeit eindrucksvoll verdeutlicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Dumpf brauste der kalte Novemberwind In den prächtigen deutschen Eichen.
- Personifikation
- Und weinte die Nacht mit Weib und Kind, Und der Hunger, der wollte nicht weichen.