Das Lied vom Dichter

Heinrich Seidel

1866

Was ein gerechter Dichter ist, Macht Verse fast zu jeder Frist, Er reitet seinen Pegasum Und dichtet Alles um und um.

Darum wird er auch selten fett, Denn morgens früh in seinem Bett, Bevor ein Andrer kaum erwacht, Hat er schon ein Sonett gemacht.

Terzinen werden eingestippt, Wenn er den Blümchen-Kaffee nippt; Verzehrt zum Frühstück er sein Ei, Macht er ein Triolett dabei.

Und wenn er seine Suppe isst, Er löffelweis’ die Jamben misst, Und wenn er seinen Braten kaut, Im Geiste er Trochäen baut!

Thut weiter nichts in dieser Welt, Darum hat er auch nie kein Geld! Dies kümmert ihn zu keiner Frist, Weil’s auch ein Stoff zum Dichten ist.

Hat er kein Bett, hat er kein Haus, So macht er ein Gedicht daraus! Hat er ein Loch im Rock, im Schuh So stopft er es mit Strophen zu!

Nichts ist zu gross, nichts ist zu klein: Er sperrt’s in seine Verse ein. Nur was man nicht besingen kann, Das sieht er als ein Neutrum an.

Der Frosch, der auf der Wiese hüpft, Die Maus, die in ihr Löchlein schlüpft, Der Käfer, der im Teich ersoff, Sind alle miteinander “Stoff”.

Was kühn noch in die Lüfte strebt, Was schon die Erde umgebebt, Ob heil und ganz, ob kurz und klein - In seinen Vers muss es hinein!

So zählt er seine Silben ab Vergnügt bis an sein kühles Grab, Und unter seinen letzten Band Schreibt “finis” hin des Todes Hand.

Was ein gerechter Dichter ist, Benutzet auch die letzte Frist, Macht eine Grabschrift noch zuvor Und legt sich auf sein Dichterohr.

Die Leute stehen trauervoll Dann um sein Grab und schauervoll. Ein Jeder denkt sich, was er will, Doch meist: “Gottlob, nun ist er still!”

Es wächst dann in der Jahre lauf Dort eine Zitterpappel auf; Und ob der Wind schläft oder wacht: Die Blätter flüstern Tag und Nacht!

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Illustration zu Das Lied vom Dichter

Interpretation

Das Gedicht "Das Lied vom Dichter" von Heinrich Seidel beschreibt das Leben eines Dichters, der ständig und überall Inspiration findet und seine Umgebung in Verse verwandelt. Der Dichter ist stets aktiv, sei es beim Aufwachen, beim Frühstück oder bei anderen alltäglichen Aktivitäten. Seine Hingabe an die Poesie ist so groß, dass er selbst aus den einfachsten Dingen und Situationen Stoff für seine Gedichte macht. Der Dichter lebt ein bescheidenes Leben, oft ohne materiellen Wohlstand, da seine Zeit und Energie vollständig der Dichtkunst gewidmet sind. Er findet Schönheit und Bedeutung in allem, von den kleinsten Geschöpfen bis hin zu den größten Ereignissen. Seine Kreativität kennt keine Grenzen, und er sieht die Welt als eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Am Ende seines Lebens hinterlässt der Dichter ein Vermächtnis, das in Form einer Zitterpappel weiterlebt, deren Blätter ständig im Wind rauschen. Dies symbolisiert die ewige Natur seiner Poesie und wie sie auch nach seinem Tod weiterhin präsent und lebendig ist. Die Menschen um ihn herum mögen erleichtert sein, dass er nun still ist, aber sein Werk und seine Wirkung bleiben bestehen.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Das Lied vom Dichter

Stilmittel

Alliteration
Morgen früh in seinem Bett
Enjambement
Nichts ist zu gross, nichts ist zu klein: Er sperrt's in seine Verse ein
Hyperbel
Bevor ein Andrer kaum erwacht, Hat er schon ein Sonett gemacht
Ironie
Was kühn noch in die Lüfte strebt, Was schon die Erde umgebebt
Kontrast
Darum wird er auch selten fett
Metapher
Er reitet seinen Pegasum
Personifikation
Die Blätter flüstern Tag und Nacht
Reimschema
Das Gedicht folgt einem konsistenten Reimschema (AABB) in jeder Strophe, was die rhythmische Struktur verstärkt.
Symbolik
Zitterpappel
Wiederholung
Was ein gerechter Dichter ist