Das Lieblingsörtchen

Sophie Friederike Brentano

1770

Wohl wölbet sich lieblich am kühligen Bach manch duftend Gewinde zum blühenden Dach; wohl hat sich schon mancher, von Sehnsucht gequält, ein heimliches Plätzchen zum Freunde gewählt.

Doch kennt’ ich sie alle, die Stellen der Ruh: es machte von allen mir keine, wie du, du Dörfchen im stillen bescheidenen Grund, die freiheitdürstende Seele gesund.

Wie, innigst an liebende Arme gewöhnt, nach kurzer Entfernung das Liebchen sich sehnt, so wallet, wenn Tage der Trennung vergehn, mein liebender Busen, dich wieder zu sehn.

Von Blüten umduftet, von Lüftchen geküßt, von lieblichen Sängern auf Zweigen begrüßt, enteilt mir der Stunden geflügelter Zug, und nimmer hemmt Unmut den rosigen Flug.

Im Häuschen so reinlich, so niedlich und klein, nist’t traulich das friedliche Täubchen sich ein; drin wohnen zwei Menschen, bescheiden und hold wie Blumen der Wiese, und lauter wie Gold.

Vom ländlichen Paar, das im Hüttchen sich lebt, dem Unschuld und Ruhe den Lebenstraum webt, zum Käfer, der summend die Blüten durchstrich, freut alles der Liebenden Gegenwart sich.

Es zieret, gewartet von sorgsamer Hand, des Geißblatts Gewinde die reinliche Wand, streckt brünstig die Arme zum Fenster hinauf, und sendet mir süße Gerüche herauf.

Und wall’ ich, wenn freundlich der Abendstern glänzt, auf duftender Wiese, von Büschen umkränzt, da wanket auf Lüftchen mit rosigem Schein manch fröhliches Bild in die Seele hinein.

Auch zieht sich dort heimlich vom Hügel ins Tal ein Wäldchen; drin wohnet manch fröhlicher Schall: da winkt mir, umflossen von täuschendem Licht, aus einem der Büsche ein Schattengesicht.

Erinnerung wob es aus magischem Duft; da steht es nun ewig in schweigender Luft. Ich setze mich einsam zum fliehenden Bach, und sinne dem flüchtigen Schattenbild nach.

Es rauschen die Wellchen bedeutend und schnell, und reißen manch Blümchen vom Strand in den Quell. So drängt auch von dir einst, du lieblicher Ort, die Welle des Schicksals mich Liebende fort.

Dann sehnt sich, wenn Tage der Trennung vergehn, vergebens mein Busen, dich wiederzusehn, fühlt liebende Sehnsucht, und atmet so schwer, und findet das Plätzchen der Ruhe nicht mehr!

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Das Lieblingsörtchen

Interpretation

Das Gedicht "Das Lieblingsörtchen" von Sophie Friederike Brentano beschreibt die tiefe Verbundenheit der lyrischen Ich-Figur mit einem idyllischen Dorf, das ihr als Zufluchtsort und Quelle der Erholung dient. Die Verse vermitteln eine Sehnsucht nach der Ruhe und Schönheit des Ortes, der als Ort der Freiheit und Gesundheit für die Seele beschrieben wird. Die Autorin schildert das Dorf als einen Ort der Geborgenheit und des Friedens, an dem ein bescheidenes, unschuldiges Paar lebt. Die Natur um das Dorf herum wird als duftend, von Vögeln begrüßt und von Blumen geschmückt dargestellt. Diese idyllische Beschreibung unterstreicht die tiefe emotionale Bindung der lyrischen Ich-Figur zu diesem Ort. Die letzte Strophe des Gedichts bringt jedoch eine melancholische Note ein, da die Autorin andeutet, dass das Schicksal sie eines Tages von diesem geliebten Ort fortreißen könnte. Die Sehnsucht und das schwere Atmen in der letzten Zeile vermitteln ein Gefühl der Ungewissheit und des Verlustes, das die tiefe emotionale Verbindung zur idyllischen Dorfidylle noch verstärkt.

Schlüsselwörter

manch liebende bach gewinde sehnsucht plätzchen seele arme

Wortwolke

Wortwolke zu Das Lieblingsörtchen

Stilmittel

Alliteration
freiheitdürstende Seele gesund
Hyperbel
von lieblichen Sängern auf Zweigen begrüßt
Metapher
findet das Plätzchen der Ruhe nicht mehr
Personifikation
von Blüten umduftet, von Lüftchen geküßt
Symbolik
du Dörfchen im stillen bescheidenen Grund
Vergleich
Wie, innigst an liebende Arme gewöhnt / nach kurzer Entfernung das Liebchen sich sehnt