Das liebende Mädchen
unknownJüngling, wenn ich dich von fern erblicke, Wird vor Sehnsucht mir das Auge nass: Nahst du dich, so hält es mich zurücke Wie mit Fesseln – und ich weiss nicht,
Fern von dir hab’ ich so viel zu klagen, Und dir gegenüber sitz’ ich stumm, Kann dir nicht ein Sterbens-Wörtchen sagen, Stammle nur, - und weiss doch nicht,
Stundenlang häng’ ich an deinem Blicke: Aber wenn der deinige mich so Ueberrascht, fährt meiner scheu zurücke, Will sich bergen, - ach! und weiss nicht,
Seh’ ich dich mit andern Mädchen spassen; O, dann möcht’ ich arme Schwärmerinn Meine Vaterstadt, mein Land verlassen, Möchte fliehn, - und weiss doch nicht,
Einsam lass’ ich, statt mich zu zerstreuen, Meinen Thränen ungestörten Lauf, Wiege mich in süssen Träumereyen, Freue mich, - und weiss doch nicht,
Denke mir das höchste Glück auf Erden, Das ein Mädchen sich nur wünschen kann, Hoffe, dass sie einmal kommen werden Diese Freuden, - ach, und weiss nicht,
Denke von zwey gleich gestimmten Seelen Mir die schönste, reinste Harmonie, Möchte dich aus einer Welt erwählen, Theurer Jüngling! – ach, und weiss nicht,
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Interpretation
Das Gedicht "Das liebende Mädchen" von Gabriele von Baumberg handelt von der intensiven und zugleich quälenden Liebe eines jungen Mädchens zu einem Jüngling. Die lyrische Ich-Figur beschreibt ihre Gefühle und Verhaltensweisen in verschiedenen Situationen, die von Sehnsucht, Unsicherheit und Hoffnung geprägt sind. Das Gedicht besteht aus neun Strophen mit jeweils vier Versen und einem Refrain, der jeweils mit den Worten "und weiss doch nicht" endet. Die erste Strophe verdeutlicht die Ambivalenz der Gefühle des Mädchens: Einerseits erfüllt der Anblick des Jünglings sie mit Sehnsucht, andererseits fühlt sie sich durch seine Nähe gelähmt und unfähig, sich ihm zu nähern. Die zweite Strophe beschreibt die sprachliche Unfähigkeit des Mädchens, dem Jüngling ihre Gefühle zu offenbaren, obwohl sie fern von ihm viel zu klagen hat. Die dritte Strophe zeigt die Scheu und Verlegenheit des Mädchens, wenn der Jüngling sie anschaut, und ihre Sehnsucht, sich vor ihm zu verstecken. Die vierte Strophe offenbart die Eifersucht des Mädchens, wenn es den Jüngling mit anderen Mädchen sieht. Sie wünscht sich, ihre Heimat zu verlassen und zu fliehen, kann aber nicht. Die fünfte Strophe beschreibt die einsamen Tränen und süßen Träumereien des Mädchens, die ihr Trost spenden. Die sechste Strophe zeigt die Hoffnung des Mädchens auf das höchste Glück, das ein Mädchen sich nur wünschen kann, und die Erwartung, dass diese Freuden einmal kommen werden. Die siebte und letzte Strophe drückt den Wunsch des Mädchens aus, aus einer Welt mit dem Jüngling eine harmonische und reine Liebe zu erleben. Sie möchte ihn aus einer Welt erwählen, was als eine Art Paralleluniversum oder eine idealisierte Liebe interpretiert werden kann. Das Gedicht endet mit dem Refrain "und weiss doch nicht", der die Ungewissheit und die unerfüllte Sehnsucht des Mädchens unterstreicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Die Phrase 'und weiss doch nicht' wird am Ende jeder Strophe wiederholt.
- Bildsprache
- Die Beschreibung, dass die Augen 'scheu zurücke' fahren und sich 'bergen' wollen, schafft ein lebendiges Bild der Schüchternheit.
- Direkte Ansprache
- Der Jüngling wird direkt angesprochen, was die Intimität und Dringlichkeit der Emotionen verstärkt.
- Hyperbel
- Die Beschreibung, dass die Sprecherin 'Stundenlang' an dem Blick des Geliebten hängt, übertreibt die Dauer der Aufmerksamkeit.
- Kontrast
- Der Gegensatz zwischen 'Fern von dir hab' ich so viel zu klagen' und 'Und dir gegenüber sitz' ich stumm' zeigt die Verwirrung und Hilflosigkeit der Sprecherin.
- Metapher
- Die Sehnsucht wird mit 'das Auge nass' beschrieben, was die emotionale Intensität verdeutlicht.
- Personifikation
- Die Augen 'halten mich zurücke wie mit Fesseln', was der Sehnsucht menschliche Züge verleiht.
- Wunschdenken
- Die Vorstellung, dass 'die höchste Glück auf Erden' kommen wird, reflektiert die Hoffnung und Sehnsucht der Sprecherin.