Das Leben

Gustav Sack

1920

Ich rief dich nicht, du zerrtest mich hervor aus meines Nichtseins tiefer Seligkeit in diese qualgedehnte Spanne Zeit und hämmertest mir stündlich dann ins Ohr:

»Das Sein, in das ich dich heraufbeschwor, sieh, es ist nichts; ein Knäul von Widerstreit endend im Tod; und Unerkennbarkeit ist deiner Weisheit Schluß: zeuch fort, du Tor!« -

Ich rief dich nicht, doch gabst du mir die Kraft zum Fluch, so fluch ich dir: vermaledeit in Grund sei jener lustverbrämte Saft

und süße Höllenschaum, der, todgefeit, des Lebens Ringe ewig weiter trägt und blutige Ketten um die Erde schlägt,

verflucht - - doch fluch ihm nicht: es flucht durch dich; und lieb es nicht: das sich in dir nur wieder liebt wie in jeder Rose, jedem Flieder, ob auch ein Wurm sich in die Blüte schlich.

Denn was du tust, das tut das Leben sich, es singt in dir eins seiner bunten Lieder, wenn es durch tausend Skalen auf und nieder streicht seinen ungeheuren Geigenstrich.

Drum fluch ihm nicht und laß es nur geschehn, daß jeder neue Morgen dich erneut, und laß dich treiben, wie die Wolken wehn, in wolkenhoher Unbekümmertheit. Flieg! Flieg! der Gipfel ist schon festgestellt, der deinen Flug zerbricht und dich zerschellt.

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Illustration zu Das Leben

Interpretation

Das Gedicht "Das Leben" von Gustav Sack ist ein kraftvolles und vielschichtiges Werk, das sich mit den existenziellen Fragen des Lebens auseinandersetzt. In den beiden Teilen des Gedichts wird das Leben als eine Qual und als ein Geschenk zugleich dargestellt. Der Sprecher fühlt sich vom Leben gezwungen, aus der "Seligkeit" des Nichtseins in die "qualgedehnte Spanne Zeit" gezogen zu werden. Er wird mit der Aussage konfrontiert, dass das Sein nichts sei und dass Weisheit im Unerkennbaren ende. Dennoch erkennt er, dass das Leben ihm die Kraft zum Fluch gegeben hat, und er verflucht den "lustverbrämten Saft" und den "süßen Höllenschaum", die das Leben am Leben erhalten. Im zweiten Teil des Gedichts wendet sich der Sprecher jedoch von seinem Fluch ab und ermutigt den Leser, das Leben anzunehmen und zu genießen. Er erkennt, dass das Leben in allem existiert und dass es in uns singt, wenn wir es zulassen. Der Sprecher ermutigt den Leser, das Leben nicht zu verfluchen und es einfach geschehen zu lassen. Er fordert ihn auf, sich treiben zu lassen wie die Wolken und in einer "wolkenhohen Unbekümmertheit" zu leben. Der Sprecher erkennt, dass das Leben seinen eigenen Lauf nimmt und dass wir uns ihm nicht entziehen können. Insgesamt ist "Das Leben" ein Gedicht, das die Ambivalenz des Lebens einfängt. Es zeigt, dass das Leben sowohl eine Qual als auch ein Geschenk sein kann und dass wir es akzeptieren und genießen müssen, auch wenn wir es nicht vollständig verstehen. Das Gedicht ermutigt den Leser, das Leben anzunehmen und zu leben, anstatt es zu verfluchen oder zu vermeiden. Es ist eine Erinnerung daran, dass das Leben kurz ist und dass wir es in vollen Zügen genießen sollten, solange wir können.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Ich rief dich nicht, du zerrtest mich hervor Ich rief dich nicht, doch gabst du mir die Kraft
Apostrophe
Ich rief dich nicht, du zerrtest mich hervor
Personifikation
jeder neue Morgen dich erneut
Rhetorische Frage
Das Sein, in das ich dich heraufbeschwor, sieh, es ist nichts
Synästhesie
lustverbrämte Saft