Das Leben

Gotthold Ephraim Lessing

1751

Sechs Tage kannt′ ich sie, Und liebte sie sechs Tage. Am siebenten erblaßte sie, Dem ersten meiner ew′gen Klage. Noch leb′ ich, zauderndes Geschick! Ein pflanzengleiches Leben. O Himmel, ist für den kein Glück, Dem du Gefühl und Herz gegeben! O! nimm dem Körper Wärm′ und Blut, Dem du die Seele schon genommen! Hier, wo ich wein′, und wo sie ruht, Hier laß den Tod auf mich herab gebeten kommen! Was hilft es, daß er meine Jahre Bis zu des Nestors Alter spare? Ich habe, Trotz der grauen Haare, Womit ich dann zur Grube fahre, Sechs Tage nur geliebt, Sechs Tage nur gelebt.

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Illustration zu Das Leben

Interpretation

Das Gedicht "Das Leben" von Gotthold Ephraim Lessing ist ein eindringliches Plädoyer für die Vergänglichkeit des Lebens und die tiefe Trauer, die mit dem Verlust eines geliebten Menschen einhergeht. Es beschreibt die kurze, aber intensive Liebe des Sprechers zu einer Frau, die nach nur sechs Tagen stirbt. Die Kürze dieser Liebe wird als tragischer Verlust empfunden, der das gesamte Leben des Sprechers überschattet. Der zweite Teil des Gedichts drückt die Verzweiflung und den Schmerz des Sprechers aus, der sich ein Leben ohne die Geliebte nicht mehr vorstellen kann. Er wünscht sich den Tod herbei, um dem Leid zu entkommen und sich wieder mit der Geliebten zu vereinen. Die Metapher des "pflanzengleichen Lebens" unterstreicht die Hoffnungslosigkeit und die emotionale Leere, die der Verlust hinterlassen hat. Im letzten Teil des Gedichts reflektiert der Sprecher über die Sinnlosigkeit eines langen Lebens ohne die Erfahrung wahrer Liebe. Er stellt die Frage, ob es einen Sinn hat, bis ins hohe Alter zu leben, wenn man nur sechs Tage lang geliebt und gelebt hat. Das Gedicht endet mit einer resignativen Akzeptanz des Schicksals und einer tiefen Trauer über die verlorene Liebe.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Sechs Tage nur geliebt, Sechs Tage nur gelebt
Apostrophe
O Himmel, ist für den kein Glück
Hyperbel
Bis zu des Nestors Alter
Kontrast
Noch leb' ich, zauderndes Geschick! Ein pflanzengleiches Leben