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Das Leben

Von

1.

Ich rief dich nicht, du zerrtest mich hervor
aus meines Nichtseins tiefer Seligkeit
in diese qualgedehnte Spanne Zeit
und hämmertest mir stündlich dann ins Ohr:

»Das Sein, in das ich dich heraufbeschwor,
sieh, es ist nichts; ein Knäul von Widerstreit
endend im Tod; und Unerkennbarkeit
ist deiner Weisheit Schluß: zeuch fort, du Tor!« –

Ich rief dich nicht, doch gabst du mir die Kraft
zum Fluch, so fluch ich dir: vermaledeit
in Grund sei jener lustverbrämte Saft

und süße Höllenschaum, der, todgefeit,
des Lebens Ringe ewig weiter trägt
und blutige Ketten um die Erde schlägt,

2.

verflucht – – doch fluch ihm nicht: es flucht durch dich;
und lieb es nicht: das sich in dir nur wieder
liebt wie in jeder Rose, jedem Flieder,
ob auch ein Wurm sich in die Blüte schlich.

Denn was du tust, das tut das Leben sich,
es singt in dir eins seiner bunten Lieder,
wenn es durch tausend Skalen auf und nieder
streicht seinen ungeheuren Geigenstrich.

Drum fluch ihm nicht und laß es nur geschehn,
daß jeder neue Morgen dich erneut,
und laß dich treiben, wie die Wolken wehn,
in wolkenhoher Unbekümmertheit.
Flieg! Flieg! der Gipfel ist schon festgestellt,
der deinen Flug zerbricht und dich zerschellt.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Das Leben von Gustav Sack

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Das Leben“ von Gustav Sack ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz und dem Verhältnis zum Leben selbst. Es beginnt mit einer Anklage, in der das lyrische Ich das Leben dafür verdammt, es aus dem „Nichtsein“ geholt und in eine Welt voller Leid und Ungewissheit geworfen zu haben. Die ersten acht Verse drücken Verzweiflung und Zorn aus, wobei das Leben als etwas dargestellt wird, das das Ich mit dem Bewusstsein von Vergänglichkeit und dem unausweichlichen Tod konfrontiert. Die Verwendung von kraftvollen Bildern wie „Knäul von Widerstreit“ und „blutige Ketten“ verstärkt den negativen Eindruck und spiegelt die Schwere der menschlichen Erfahrung wider.

Im zweiten Teil vollzieht sich jedoch eine bemerkenswerte Wendung. Das lyrische Ich wird ermahnt, das Leben nicht zu verfluchen, da der Fluch selbst Teil des Lebens ist. Diese Erkenntnis führt zu einer Akzeptanz und einem Verständnis für die zyklischen Natur des Lebens, die sich in der Schönheit der Natur – in den Rosen und dem Flieder – spiegelt, selbst wenn ein „Wurm sich in die Blüte schlich“. Die Metapher vom Leben als Musiker, der seinen „ungeheuren Geigenstrich“ spielt, verdeutlicht die Idee, dass das Leben ein komplexes, vielschichtiges Spiel ist, das sowohl Freude als auch Leid umfasst. Die Aufforderung, sich vom Leben treiben zu lassen und „in wolkenhoher Unbekümmertheit“ zu fliegen, deutet auf eine Haltung der Gelassenheit und des Loslassens hin.

Die Struktur des Gedichts ist entscheidend für die Interpretation. Der Wechsel von der anfänglichen Verzweiflung zur späteren Akzeptanz zeigt eine Entwicklung des lyrischen Ichs von einem Zustand der Ablehnung zu einem Zustand des Einverständnisses. Dieser Wandel wird durch die Verwendung von rhetorischen Fragen und Befehlen unterstrichen, die sowohl die innere Zerrissenheit als auch die daraus resultierende Erkenntnis verdeutlichen. Das Gedicht oszilliert zwischen Ablehnung und Akzeptanz, zwischen dem Wunsch nach Tod und dem Wunsch, das Leben trotz aller Widrigkeiten anzunehmen.

Die abschließenden Verse des Gedichts, die mit dem Bild des „Gipfels“ enden, der den „Flug“ zerbricht, weisen auf die Grenzen des menschlichen Lebens hin. Das Leben selbst wird hier als eine unaufhaltsame Kraft dargestellt, die sowohl Schönheit als auch Zerstörung hervorbringt. Die Erkenntnis, dass das Leben ein Spiel ist, das zum Scheitern verurteilt ist, wird mit dem Appell zur Unbekümmertheit und der Aufforderung zu fliegen verbunden, was die ambivalente Natur der menschlichen Existenz unterstreicht. Das Gedicht endet mit einem Hauch von Melancholie, der aber von der Akzeptanz und der Fähigkeit, die Schönheit des Lebens zu sehen, durchdrungen ist.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.