Das Land der Freiheit

Anastasius Grün

1907

Es schlief ein Greis auf Hellas’ Feld, wo man die Schlacht geschlagen, Er schlief wohl an zehn Stunden schon, seit ausgetobt der Schlachtlärm, Und wer den grauen Schläfer sah, seufzt: Friede mit den Todten! Doch jetzt erhebt der Greis sein Haupt, reibt sich den Schlaf vom Auge.

Es liegt ein stiller See vor ihm mit purpurrothen Wellen. »Du ebner See,« so lispelt er, »wie friedlich fließt dein Wasser, Wie glühen deine Wellen all’ so schön im Morgenrothe! So hehr erglänzt das Frühroth nur im goldnen Land der Freiheit!«

Viel hundert Männer lagern rings am Strand des Sees und schlafen. »Du sel’ge Schaar, wie schläfst du süß im freien Himmelssaale! Nicht scheinest du des Wüthrichs Ruf, nicht Räuberschwert zu fürchten; So sicher, traun, und friedlich schläft sich’s nur im Land der Freiheit!«

Und neben ihm, im grünen Gras, da ruhn zwei holde Kinder, Zwar regungslos, doch halten sie sich treu und fest umschlungen. »O schönes, zartes Blumenpaar, umkos’t vom Hauch der Liebe! Solch süße, heil’ge Liebe lebt nur in dem Land der Freiheit.«

Es neigt gar mild sich über ihn ein lieblich Frauenantlitz; Sein müdes Silberhaupt ruht sanft im Schooß des schönen Weibes »Auf solchen Kissen schläft man nur im schönen Land des Friedens Und solche Engel wachen nur im goldnen Land der Freiheit!«

Er lispelt’s leis und senkt das Haupt und schließet still das Auge, Und nimmer öffnet es der Greis, erhebt nie mehr das Antlitz. O armer und doch sel’ger Greis, o schlafe fort und träume! Erwache nie, daß Keiner dir, was du gesehn, je deute!

Nicht glüht der See vom Frühroth, nein, vom Blute deines Volkes! Die Schläfer – deine Brüder sind’s – erwachen nimmer wieder! Die Kinder – deine Enkel sind’s – die starben Hungertodes! Das Frau’nbild – deine Tochter ist’s – weint über deiner Leiche!

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Illustration zu Das Land der Freiheit

Interpretation

Das Gedicht "Das Land der Freiheit" von Anastasius Grün beschreibt einen alten Mann, der nach einer Schlacht aufwacht und eine idyllische Szene vor sich sieht. Er sieht einen stillen See mit purpurroten Wellen, um den herum viele Männer friedlich schlafen. Neben ihm liegen zwei Kinder, die sich umschlungen halten, und eine Frau neigt sich über ihn. Der Greis interpretiert diese Szene als Zeichen für Frieden und Freiheit, ohne zu erkennen, dass er sich inmitten einer tragischen Realität befindet. In der zweiten Hälfte des Gedichts wird die bittere Wahrheit enthüllt. Der See glüht nicht vom Morgenrot, sondern vom Blut des Volkes. Die schlafenden Männer sind seine Brüder, die nicht wieder aufwachen werden. Die Kinder sind seine Enkel, die verhungert sind. Die Frau, die sich über ihn neigte, ist seine Tochter, die über seinem Leichnam weint. Der Greis stirbt, ohne die wahre Bedeutung der von ihm gesehenen Bilder zu verstehen. Das Gedicht thematisiert die Täuschung und den Wahn des Greises, der inmitten von Tod und Zerstörung an ein Land der Freiheit glaubt. Es kritisiert die Naivität und Selbsttäuschung, die es ermöglichen, dass Menschen in Zeiten des Krieges und des Leids an eine bessere Zukunft glauben. Das Gedicht ist eine Warnung vor der Gefahr, die Realität zu verleugnen und in Illusionen zu flüchten.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Nicht glüht der See vom Frühroth, nein, vom Blute deines Volkes!
Ironie
O armer und doch sel’ger Greis, o schlafe fort und träume!
Kontrast
Die Schläfer – deine Brüder sind’s – erwachen nimmer wieder!
Metapher
Es liegt ein stiller See vor ihm mit purpurrothen Wellen.
Personifikation
Es neigt gar mild sich über ihn ein lieblich Frauenantlitz;
Symbolik
So hehr erglänzt das Frühroth nur im goldnen Land der Freiheit!