Das Kreuz am Inn

Friedrich Theodor Vischer

1888

Am Innstrom giengen wir dahin Und sahen die breiten Wogen zieh’n.

Ein einsam Kreuz gewahrt’ ich da Jenseits im Feld, dem Ufer nah.

Dran hieng, ich sah’s im Sonnenglanz, Entblättert fast ein dunkler Kranz.

Was will das Kreuz am fernen Ort? Besagt es Unfall oder Mord?

Wär’ heut der rechte Tag im Jahr, Du säh’st ein Bild, das spräche klar.

Ein altes Weiblein sähest Du, Es strebt vom Dorf der Stätte zu,

Schwarz angethan von Kopf zu Fuß, Mit einem Kranz als Todtengruß,

Die rechte Hand am Krückenstab, Gelangt sie mühsam an dieß Grab,

Kniet nieder, hängt den Blätterkreis An’s Kreuz und betet lang und heiß,

Und weint und weint und weilet lang Und macht zurück den schweren Gang.

Sie war im Dorf die schönste Maid Und manches Freiers Herzeleid,

Im Landlertanz als Königin Gefeiert auf und ab am Inn,

Rasch, wacker, frisch an Seel’ und Leib, Man weiß noch heut: ein prächtig Weib.

Da brach in’ s Innthal der Franzos, Da gieng am Strom das Schlagen los.

Und eines Tags in schmucken Reih’n Marschiren Kaiserjäger ein,

Dem Zug voran ein junges Blut, Das grüne Reis am Jägerhut,

Zwei Ehrenzeichen auf der Brust, Der ganzen Mannschaft Stolz und Lust,

Ein Schütze, wie man keinen sah, Wo die Gefahr kam, war er da,

Sein Feuerblick, sein Feuerwort Riß selbst den Bebenden mit fort,

Doch vatergleich, so jung er war, Sorgt er für seine kleine Schaar.

Und wie ihn kaum die Maid geseh’n, Da war es um ihr Herz gescheh’n.

Und wie er kaum die Maid gesehen, Da war es um sein Herz gescheh’n.

Den Abend und die nächste Nacht Ward in dem Dorfe Halt gemacht,

Fürbaß in’s Feld, vielleicht zum Tod, Gieng’s schon am nächsten Morgenroth.

Wie leicht in Krieges Sturm und Drang Wird Sturmschritt auch der Liebe Gang!

Als kennten sie sich manches Jahr, Eilt Herz an Herz das junge Paar,

Tauscht Kuß um Kuß, verträumt die Zeit, Vergißt, daß wohl der Feind nicht weit.

»Horch! Hörst du nicht ein Hornsignal?« »»O nein, es war der Hirt im Thal.««

Er glaubt es nicht und glaubt es doch Und bleibt und weilt im Himmel noch.

Da knallt ein Schuß und noch ein Schuß. »Fort! Auf! Noch einen letzten Kuß!«

»Den Stutzen her!« und aus dem Haus Stürmt er hinein in Nacht und Graus.

Links, rechts empfängt ihn Knall auf Knall – Es war ein jäher Ueberfall.

Die Jäger sind zurückgedrängt, Die letzten mit dem Feind vermengt.

Zum Laden reicht die Zeit nicht mehr, Den Kolben schwingt er um sich her.

Er wehrt sich wie ein grimmer Leu, Der Schwall vermehrt sich immer neu.

Sie sieht’s noch einen Augenblick, Dann drängt die Noth auch ihn zurück.

Sie hört, sie horcht, zum Stromesbord Bewegt die wilde Jagd sich fort.

Fern tönt und ferner nun der Schall, Stumm wird der Berge Wiederhall.

Man suchte sie am frühen Tag Und fand sie, wo der Todte lag.

Auf seine Leiche hingestreckt Ward sie zum Leben schwer geweckt.

Dort war es, sieh noch einmal hin, Dort lag er, dort begrub man ihn.

Ob’s regnen, stürmen, schneien mag, Nie fehlt der Kranz am Todestag.«

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Illustration zu Das Kreuz am Inn

Interpretation

Das Gedicht "Das Kreuz am Inn" von Friedrich Theodor Vischer erzählt eine tragische Liebesgeschichte, die sich vor dem Hintergrund des napoleonischen Krieges abspielt. Ein einsames Kreuz am Ufer des Inns wird zum Ausgangspunkt für die Erzählung einer jungen, schönen Magd, die im Dorf als Königin des Landtanzes gefeiert wird. Ihr Leben ändert sich schlagartig, als Kaiserjäger, darunter ein besonders mutiger und charismatischer Schütze, ins Dorf einmarschieren. Die beiden verlieben sich auf den ersten Blick und verbringen eine leidenschaftliche, wenn auch kurze Zeit miteinander, bevor der Schütze erneut in den Kampf ziehen muss. In einer überraschenden Nachtattacke des Feindes verteidigt der Schütze seine Kameraden tapfer, wird jedoch letztendlich überwältigt. Die Magd, die den Kampf beobachtet hat, findet ihn tot auf dem Schlachtfeld und verfällt in tiefe Trauer. Seitdem besucht sie jedes Jahr am Todestag des Schützen das Kreuz, um einen Kranz niederzulegen und ihrer Liebe zu gedenken. Das Gedicht thematisiert die Vergänglichkeit des Lebens und der Liebe, besonders im Kontext von Krieg und Gewalt. Es zeigt, wie schnell das Schicksal sich wenden kann und wie tief die Trauer einer Hinterbliebenen sein kann. Die jährliche Tradition der alten Frau, das Kreuz zu besuchen und einen Kranz niederzulegen, symbolisiert die unendliche Liebe und das Gedenken an den verlorenen Geliebten.

Schlüsselwörter

herz kreuz kranz maid fort kuß feld sah

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Sein Feuerblick, sein Feuerwort
Beschleunigung
Wie leicht in Krieges Sturm und Drang Wird Sturmschritt auch der Liebe Gang!
Bildsprache
Ein einsam Kreuz gewahrt' ich da Jenseits im Feld, dem Ufer nah.
Dialog
»Horch! Hörst du nicht ein Hornsignal?« »»O nein, es war der Hirt im Thal.««
Hyperbel
Der ganzen Mannschaft Stolz und Lust,
Kontrast
Sie war im Dorf die schönste Maid Und manches Freiers Herzeleid,
Metapher
Da brach in' s Innthal der Franzos, Da gieng am Strom das Schlagen los.
Onomatopoesie
Da knallt ein Schuß und noch ein Schuß.
Parallelismus
Und wie ihn kaum die Maid geseh'n, Da war es um ihr Herz gescheh'n.
Personifikation
Am Innstrom giengen wir dahin Und sahen die breiten Wogen zieh'n.
Rhetorische Frage
Was will das Kreuz am fernen Ort? Besagt es Unfall oder Mord?
Schlussbild
Ob's regnen, stürmen, schneien mag, Nie fehlt der Kranz am Todestag.
Symbolik
Entblättert fast ein dunkler Kranz.
Vergleich
Er wehrt sich wie ein grimmer Leu,
Vorausdeutung
Wär' heut der rechte Tag im Jahr, Du säh'st ein Bild, das spräche klar.
Wiederholung
Und weint und weint und weilet lang