Das Korn auf dem Dache
1859Der Frühling ist gekommen, Doch war der Winter scharf Und hat mir weggenommen Den nötigsten Bedarf; Die Pflüge bleiben stehen, Es fehlt ja an der Saat, Und muß auch was geschehen, So weiß doch keiner Rat.
Da hinkt ein alter Jude In weißem Bart durchs Dorf, Der kroch aus seiner Bude Um etwas Sprock und Torf. Er weilt bei jedem Schober Und späht und bückt sich oft, Und voll ist ihm der Kober, Bevor er′s noch gehofft.
Die Arbeit ward ihm sauer, Nun will er denn nach Haus, Da tritt ein müß′ger Bauer Aus seiner Tür heraus. Der ruft: »Du hast mir Feurung Gesammelt aus dem Mist, So sag′ auch, ob er Teurung Nicht noch zu wehren ist.«
Der Alte hebt die Blicke, Doch bis zum Himmel nicht, Dann tickt er mit der Krücke Aufs Hüttendach, und spricht: »War das nicht eine Ähre, Was ich im Stroh dort sah? Wenn′s nicht die einz′ge wäre, So ist die Hilfe nah!«
Der Bauer geht zur Leiter Und deckt die Hütte ab, Er drischt sein Stroh noch weiter, Im lust′gen Klipp und Klapp, Und als die Körner springen, Da folgt ihm Mann für Mann, Und das wird so viel bringen, Daß jeder säen kann.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Korn auf dem Dache" von Friedrich Hebbel erzählt von einer Zeit der Not und des Mangels. Der Frühling ist gekommen, aber der harte Winter hat die Menschen ihrer notwendigen Ressourcen beraubt. Die Bauern können nicht pflügen, da ihnen die Saat fehlt, und sie wissen nicht, wie sie die Situation meistern sollen. In dieser aussichtslosen Lage begegnet ein alter Jude, der durch das Dorf zieht, um sich Feuerholz und Torf zu besorgen. Er durchsucht jeden Haufen und findet mehr, als er erhofft hatte. Ein müßiger Bauer, der ihn beobachtet, fragt den Alten, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, die Teuerung zu bekämpfen. Der Alte blickt auf das Dach der Hütte und entdeckt eine Ähre im Stroh. Er schlägt vor, das Dach abzudecken und das Stroh weiter zu dreschen, um die Körner zu gewinnen. Der Bauer folgt dem Rat des Alten und deckt die Hütte ab. Gemeinsam dreschen sie das Stroh und finden so viele Körner, dass jeder genug Saat hat, um wieder anbauen zu können. Das Gedicht endet mit der Aussicht auf eine bessere Zukunft, in der die Menschen wieder in der Lage sind, ihre Felder zu bestellen und sich selbst zu versorgen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Daß jeder säen kann
- Hyperbel
- Und hat mir weggenommen Den nötigsten Bedarf
- Metapher
- Aufs Hüttendach, und spricht
- Onomatopoesie
- Im lust'gen Klipp und Klapp
- Personifikation
- Der Frühling ist gekommen