Das Kolosseum

Edgar Allan Poe

1809

Urbild des alten Roms! Reliquienschrein Erhabener Betrachtung! Nach so langer, Mühseliger Pilgerschaft und heißem Durst (Durst nach dem Quell des Einst, der in dir fließt) Knie′ ich, ein andrer, demutvoller Mann In deinem Schatten, und in vollen Zügen Trink ich vom Borne deiner Größe, deiner Weihe.

Unendlichkeit, ich höre deinen Strom! Ich fühl′ euch, dunkle Mächte der Zerstörung, Nacht, Schweigen, Endlichkeit, ich fühl′ euch jetzt! O Zauber, sichrer als Judäas Fürsten Ihn jemals in Gethsemane gelehrt, Gewaltiger als die Chaldäer ihn Vom Sternenhimmel in Verzückung lasen!

Hier, wo ein Held fiel, fällt jetzt eine Säule, Dort, wo der Adler einst in Gold gestrotzt, Hält eine Fledermaus Vigilien, Wo ihr vergoldet Haar die Damen Roms Im Winde flattern ließen, wogen nun Riedgras und Disteln, und wo der Monarch Auf goldnem Thron wollüstig-träge saß - Da schlüpfen jetzt, vom Monde schwach beleuchtet, Eidechsen hurtig in ihr Marmorheim.

O Mauern, moosbewachsene Arkaden, Geschwärzte Schafte, schwankendes Gebälk, Zerbröckelnde Ruinen, Steine, Steine, Graue Steine, seid ihr alles, alles, Was dem Geschick und mir vom Kolossalen Der Stunden rastloses Zerstören ließ?

Nicht alles! gibt das Echo mir zurück. Prophetenstimmen dringen zu dem Weisen Aus uns und allen Trümmern, wie zur Sonne Vom Memnonsteine Melodien klingen. Vor unserer Größe beugen sich in Ehrfurcht Die Mächtigsten der Erde - wir beherrschen Die Riesengeister aller Nationen. Wir sind nicht machtlos, wir verblichnen Steine. Nicht aller Ruhm vergangner Tage schwand, Nicht aller Zauber unsres hohen Rufs, Nicht alle Wunderkraft, die in uns wohnt, Nicht die Mysterien, die in uns liegen, Nicht die Erinnerung, die an uns hängt Sich an uns schmiegt wie ein Gewand, uns kleidend In einen Schmuck, weit köstlicher als Ruhm.

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Illustration zu Das Kolosseum

Interpretation

Das Gedicht "Das Kolosseum" von Edgar Allan Poe ist eine eindringliche Reflexion über die Vergänglichkeit und den unaufhaltsamen Verfall der Zeit. Der Sprecher kniet in Ehrfurcht vor den Überresten des antiken Roms und trinkt aus dem Quell seiner einstigen Größe. Er fühlt die unendliche Kraft der Zerstörung und die dunklen Mächte der Nacht, des Schweigens und der Endlichkeit. Doch trotz des Verfalls und der Verwüstung, die sich über das Kolosseum gelegt haben, spürt der Sprecher eine ungebrochene Magie und eine unerschütterliche Macht. Die Verse beschreiben den Kontrast zwischen der einstigen Pracht und dem heutigen Zustand des Kolosseums. Wo einst Helden fielen und der Adler in Gold glänzte, halten nun Fledermäuse ihre Nachtwachen. Die Damen Roms mit ihrem goldenen Haar sind längst verschwunden, und an ihrer Stelle wogen Riedgras und Disteln. Der Monarch auf seinem goldenen Thron ist einer Eidechse gewichen, die im Mondschein in ihr Marmorheim huscht. Doch trotz dieses Verfalls und der Verwüstung bleibt das Kolosseum ein Symbol für die Unsterblichkeit und den unaufhaltsamen Lauf der Zeit. Das Gedicht endet mit einer Botschaft der Hoffnung und der Unsterblichkeit. Die Stimmen der Propheten dringen aus den Trümmern hervor, und die Mächtigsten der Erde beugen sich in Ehrfurcht vor der Größe des Kolosseums. Die Steine, die einst das Kolosseum bildeten, sind nicht machtlos, sondern bewahren die Erinnerung an vergangene Tage und den Zauber des hohen Ruhms. Die Mysterien, die in ihnen liegen, und die Erinnerung, die an ihnen hängt, kleiden sie in einen Schmuck, der weit köstlicher ist als Ruhm. Das Kolosseum bleibt ein Symbol für die Unsterblichkeit und den unaufhaltsamen Lauf der Zeit, das die Menschen auch in seiner Zerstörung weiterhin in seinen Bann zieht.

Schlüsselwörter

steine aller roms durst einst größe fühl zauber

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Macht der Zerstörung
Anapher
Nicht aller Ruhm vergangner Tage schwand, Nicht aller Zauber unsres hohen Rufs, Nicht alle Wunderkraft, die in uns wohnt
Bildsprache
Wo ihr vergoldet Haar die Damen Roms Im Winde flattern ließen, wogen nun Riedgras und Disteln
Hyperbel
Gewaltiger als die Chaldäer ihn
Kontrast
Hier, wo ein Held fiel, fällt jetzt eine Säule
Metapher
sich an uns schmiegt wie ein Gewand
Personifikation
Unendlichkeit, ich höre deinen Strom!
Symbolik
Prophetenstimmen dringen zu dem Weisen Aus uns und allen Trümmern