Das Königslied
1801Es lag ein junger König In seinem guldenen Bett. Die Kron drückt ihn nicht wenig, Die er auf dem Haupte hätt. Doch drückten ihn wohl im Herzen Die Liebesgedanken noch mehr. Er sprach zu seinem Diener: “Ruf mir den Narren her! Er soll ein Liedlein mir singen, Des Herzens Gram bezwingen.” Der Narre kam gelaufen Mit seiner güldnen Harfen: “Herr König, weil die Sinnen So schwer und glühend dir sind, Will ich ein Liedlein singen Vom leichten kühlen Wind.” “Vom Winde willst du singen, Von kühler Nächte Duft? Laß sein, ich will′s nicht hören, Will selber an die Luft. Den Fels will ich erklimmen In dieser grausen Nacht, Und Lieder will ich dort singen, Bis daß der Tag erwacht.” “Laß bleiben, laß bleiben, Herr König, Die Wind haben keinen Respekt, Die achten dein gar wenig, Sie werfen dich in Dreck.” “Und schleudern sie mich vom Felsen Wohl tief in das Wasser hinein, So mögen sie doch auch wohl kühlen Die Gluten im Herzen mein.” “Ei König, wie willst du gehen, Barfuß und ohne Zierd, Ich bitt, laß mich erflehen, Kleid dich, wie dir′s gebührt. Bind an die Füße Sandalen, Häng um die goldene Kett, Und deine nackten Schultern Mit dem roten Purpur bedeck, Und in die Augen drücke Dir tief die schwere Kron, Damit sie dir nicht trage Der erste Wind davon. Und um die Lenden gürte Dir fest dein stählern Schwert, Damit den Winden ein König Zum leichtesten Spiel nicht werd! Und in den Gürtel stecke Dir noch den Zepter dein Und um die Schulter hänge Dir noch die Harfen mein.” Da kann der König nicht gehen, Es zog ihn schwer zurück, Da trat er in seinem Zorne Die Harfen in tausend Stück. Der Narre begann zu weinen, Da er die Harfen sah In tausend Stücken liegen, Die ach so schöne war. Der König den Fels erklomm, Wo tausend Bächlein flossen Und unten in einem Strom Zusammen sich ergossen. Die Winde hatten gesehen In dunkel schwarzer Nacht Den roten Purpur wehen Und auch der Krone Pracht. Sie breiten aus die Schwingen Und kommen alle herbei, Zu hören, wie er tät singen, Zu sehen sein herrliches Kleid. Und als sie hatten gehöret Das trübe Königslied, Da hatten sie ihren Gefallen, Es sollt ihnen werden ein Spiel. Der eine tat hoch aufbrausen In seinem Purpur rot, Der andre zog durch die Krone Die Locken wild hervor. Der dritt tät mit dem Schwerte Wohl klappern hin und her, Der Hirt zog ihn an der Kette Wie an dem Zaum ein Pferd. Er muß die Lethe trinken Mit schwerem Atemzug. Muß immer tiefer sinken In seinem grausen Flug. Um Hilf der König schreiet, Die Winde sprechen ihm Hohn, Sie tragen ihn vom Felsen Herunter in den Strom. Da eben stand der Narre, Der sah die Winde fliegen Und in dem nassen Grabe Sah er den König liegen. Da wandelt er sich um In lauter grün Gezweig, Das schöne Blüten trug Und goldne Frücht zugleich. Ein Adler kam geflogen Und baut sein kühnes Nest, Hoch in das grün Gezweige, Eh Wurzel es gefaßt. Die Wurzel faßt es tief Ins jungen Königs Herz, Der eben fest gar schlief Und nimmer fühlte Schmerz.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Das Königslied" von Bettina von Arnim erzählt die tragische Geschichte eines jungen Königs, der von Liebesgedanken geplagt wird. In seiner Verzweiflung sucht er Trost bei seinem Narren, der ihm ein Lied über den leichten, kühlen Wind vorsingen soll. Der König jedoch lehnt ab und beschließt, selbst auf einen Felsen zu steigen, um dort Lieder zu singen, bis der Tag erwacht. Der Narr warnt ihn vor den respektlosen Winden, die ihn in den Dreck werfen könnten, doch der König lässt sich nicht beirren. Der Narr versucht, den König davon abzuhalten, indem er ihm rät, sich königlich zu kleiden und zu bewaffnen. Doch der König wird durch die Last der königlichen Insignien so behindert, dass er in Zorn gerät und die Harfen des Narren zerschlägt. Trotz der Warnungen des Narren besteigt der König den Felsen, wo die Winde sein prachtvolles Gewand und die Krone erblicken. Sie belästigen ihn, reißen ihm die Kleider vom Leib und schleudern ihn schließlich in den Strom. Am Ufer findet der Narr den ertrunkenen König und verwandelt sich in einen Baum mit grünem Geäst, das schöne Blüten und goldene Früchte trägt. Ein Adler baut sein Nest in dem jungen Baum, dessen Wurzeln tief ins Herz des toten Königs dringen. Der König schläft fest und fühlt keinen Schmerz mehr. Das Gedicht endet mit einer düsteren Szene, die die Vergänglichkeit des Lebens und die Nutzlosigkeit weltlicher Macht und Pracht verdeutlicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allegorie
- Die Wurzel faßt es tief Ins jungen Königs Herz
- Alliteration
- Die Liebesgedanken noch mehr
- Bildsprache
- Der eine tat hoch aufbrausen In seinem Purpur rot
- Hyperbel
- Tausend Bächlein flossen
- Ironie
- Damit den Winden ein König Zum leichtesten Spiel nicht werd
- Kontrast
- Vom leichten kühlen Wind
- Metapher
- Die Kron drückt ihn nicht wenig
- Personifikation
- Die Wind haben keinen Respekt
- Symbolik
- Der Narre begann zu weinen, Da er die Harfen sah In tausend Stücken liegen
- Wiederholung
- Laß bleiben, laß bleiben, Herr König