Das kleine Tümmelding
1826Der Bauer hier zu Land ist just kein Wicht; Allein so reich wie Thümmel wird er nicht. Das war der reichste Bauer in der Welt: Der maß mit Scheffeln nur sein Buttergeld. Der fuhr mit drei vier Rappen querfeldein, Wos ihm gefiel, und ließ die Leute schrein, Griff in den Sack und warf die Strafe hin: Da durft er ungehindert weiter ziehn. Er strich die Butter auf den Käs und aß Den Zucker eingetunkt ins Honigfaß. Er schmauste sein gebraten Schwein in Ruh Und Rindfleisch knappert er statt Brots dazu! Das Bier trank er nur eben oben ab; Doch Fässer Weins bis auf den Grund hinab. Bat ihn um ein Stück Brot ein armer Mann, Reicht er es hinterrücks, sah ihn nicht an, Und sagte einer: tausend Gotteslohn! Sprach er: geh zu mit deinem Gotteslohn! Ich brauch das nicht, ich habe ja vollauf! Und lachend setzt er einen Schluck darauf. – Das Leben währt noch eine gute Weil; Allein auf einmal hat der Tod nun Eil Und holt ihn ab und bricht den Übermut, Und Thümmels Seele ging es nun nicht gut: Sie wollte querfeldein ins Paradies, Wohin Sanct Peter sie jedoch nicht ließ. Sie hatte Gottes Lohn verschmäht und nun Begehrte sie ihn doch: was war zu tun? – Sie mußte zwischen Erd und Himmel gehn, Bis sie aufs neu sich Gottes Lohn gewönn: Man sah wie sie gehüllt in Feuer ging Und hieß sie nur das kleine Tümmelding. – – Mein kleines Tümmelding zog nun umher Probieren, ob ihm jemand günstig wär? Allein die Leute liefen von dem Ort, Wos kleine Tümmelding sich zeigte, fort. Man hielt den Tümmel für nichts Gutes mehr, Weil er im Feuer ging: das brannte sehr! – Doch aber merkt man endlich mit der Zeit, Das Tümmelding tut niemand was zu leid. Ging einer dort im Marschland überquer, So liefs im Finstern eben nebenher Und leuchtete nach Hause – dann und wann Rief man zum Leuchten sich das Ding heran. Ach! wie das kleine Tümmelding da ging Und Müh sich gab, daß es den Dank erzwing! Doch niemand sprach nun irgend »Gotteslohn!« Und so vergingen viele Jahre schon. Zwar sagte: »schönen großen Dank!« etwann Auch: »schamster Diener!« der und jener Mann, Auch: »sehr verbunden!« und dergleichen mehr, Auch: »bleib gesund!« doch – half ihm das nicht sehr! Denn niemand sagte schlichthin: »Gottes Lohn!« Es schien am Ende aus der Mode schon . . . Bis dermaleinst ein Trunkenbold, bei Nacht, Durch vieles Trinken sich so weit gebracht, Daß er den Graben hielt für einen Weg Und so ins Wasser plumpte von dem Steg. Obwohl er unten nun bald nüchtern war, Sah er im Graben doch nicht just und klar Und rief: wenn doch das kleine Tümmelding Hier wär! – Da kam das Tümmelding gar flink Und fing ihn, zischend durch den wüsten Schlamm, Und stellt ihn rauchend wieder auf den Damm Und trocknet ihn und leuchtet ihm nach Haus. Da rief gerührt der Halbgesottne aus: »O kleines Tümmelding, nun find ich schon, Nimm für dein Leuchten tausend Gotteslohn!« – Da flackert es vor Freuden lichterloh: Gottlob! ich bin erlöset! rief es froh: Hoch hüpfete das kleine Tümmelding, Hoch, hoch, bis in den Sternen es verging. Und seit derselben Stunde bleibt es fort: Man siehts nicht wieder auf der Heide dort. Aus alle dem jedoch zu merken ist, Daß ein »Gott lohns!« nicht zu verachten ist!
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Das kleine Tümmelding" von August Kopisch erzählt die Geschichte eines reichen, aber habgierigen Bauern namens Thümmel, der im Leben wenig Rücksicht auf andere nimmt und Gottes Lohn verschmäht. Nach seinem Tod muss seine Seele zwischen Himmel und Erde umherirren, bis sie den verdienten Lohn erhält. Als "kleines Tümmelding" hilft die Seele den Menschen, wird jedoch oft gefürchtet und missverstanden, da sie in Flammen gehüllt ist. Erst als ein betrunkener Mann ihr nach einer Rettung aus einem Graben aufrichtig "tausend Gotteslohn" sagt, ist das Tümmelding erlöst und verschwindet in den Sternen. Das Gedicht thematisiert die Bedeutung von Dankbarkeit und Bescheidenheit im Leben. Thümmel, der im Leben reich und mächtig war, muss nach seinem Tod als hilfsbereites, aber gefürchtetes Wesen umherirren, da er im Leben Gottes Lohn verschmähte. Erst als ihm jemand aufrichtig dankt, findet seine Seele Erlösung. Dies verdeutlicht, dass materieller Reichtum im Leben nicht alles ist und dass man auch im Umgang mit anderen Menschen dankbar und bescheiden sein sollte. Kopisch nutzt in seinem Gedicht verschiedene stilistische Mittel, um die Botschaft zu vermitteln. So verwendet er beispielsweise eine reimende Strophenform und eine bildhafte Sprache, um die Geschichte lebendig und anschaulich zu gestalten. Zudem bedient er sich der Figur des "Tümmeldings", eines mythologischen Wesens, das als Metapher für die wandernde Seele Thümmels dient. Durch diese stilistischen Mittel gelingt es Kopisch, die Moral seiner Geschichte auf unterhaltsame und einprägsame Weise zu vermitteln.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Geh zu mit deinem Gotteslohn!
- Bildsprache
- Man sah wie sie gehüllt in Feuer ging
- Hyperbel
- Allein so reich wie Thümmel wird er nicht.
- Ironie
- Der maß mit Scheffeln nur sein Buttergeld.
- Kontrast
- Es schien am Ende aus der Mode schon . . .
- Metapher
- Der Bauer hier zu Land ist just kein Wicht;
- Moralische Lehre
- Daß ein »Gott lohns!« nicht zu verachten ist!
- Personifikation
- Allein auf einmal hat der Tod nun Eil
- Symbolik
- Sie mußte zwischen Erd und Himmel gehn
- Wiederholung
- Hoch hüpfete das kleine Tümmelding, Hoch, hoch, bis in den Sternen es verging.