Das Kind am Brunnen

Friedrich Hebbel

1864

Frau Amme, Frau Amme, das Kind ist erwacht! Doch die liegt ruhig im Schlafe. Die Vöglein zwitschern, die Sonne lacht, Am Hügel weiden die Schafe.

Frau Amme, Frau Amme, das Kind steht auf, Es wagt sich weiter und weiter! Hinab zum Brunnen nimmt es den Lauf, Da stehen Blumen und Kräuter.

Frau Amme, Frau Amme, der Brunnen ist tief! Sie schläft, als läge sie drinnen! Das Kind läuft schnell, wie es nie noch lief, Die Blumen locken′s von hinnen.

Nun steht es am Brunnen, nun ist es am Ziel, Nun pflückt es die Blumen sich munter, Doch bald ermüdet das reizende Spiel, Da schaut′s in die Tiefe hinunter.

Und unten erblickt es ein holdes Gesicht, Mit Augen, so hell und so süße. Es ist sein eig′nes, das weiß es noch nicht, Viel stumme, freundliche Grüße!

Das Kindlein winkt, der Schatten geschwind Winkt aus der Tiefe ihm wieder. Herauf! Herauf! So meint′s das Kind: Der Schatten: Hernieder! Hernieder!

Schon beugt es sich über den Brunnenrand, Frau Amme, du schläfst noch immer! Da fallen die Blumen ihm aus der Hand, Und trüben den lockenden Schimmer.

Verschwunden ist sie, die süße Gestalt, Verschluckt von der hüpfenden Welle, Das Kind durchschauert′s fremd und kalt, Und schnell enteilt es der Stelle.

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Illustration zu Das Kind am Brunnen

Interpretation

Das Gedicht "Das Kind am Brunnen" von Friedrich Hebbel erzählt die Geschichte eines Kindes, das allein aufwacht, während seine Amme schläft. Das Kind, neugierig und voller Entdeckungslust, läuft zum Brunnen, wo es Blumen pflückt. Dabei entdeckt es sein eigenes Spiegelbild im Wasser und beginnt ein spielerisches Hin- und Herwinken mit seinem Spiegelbild, ohne zu wissen, dass es sich selbst sieht. Das Kind wird immer mutiger und beugt sich über den Brunnenrand, um näher an sein Spiegelbild heranzukommen. Dabei fallen ihm die Blumen aus der Hand und trüben das Wasser, wodurch das Spiegelbild verschwindet. Das Kind erschrickt und rennt schnell von der Stelle weg, überwältigt von der plötzlichen Furcht und dem Verlust des freundlichen Gesichts, das es zuvor gesehen hatte. Das Gedicht kann als eine Allegorie auf die menschliche Neugier und die damit verbundenen Gefahren interpretiert werden. Das Kind symbolisiert die Unschuld und Naivität, die durch die Entdeckung der eigenen Identität und die Auseinandersetzung mit dem Unbekannten herausgefordert wird. Das Verschwinden des Spiegelbildes im trüben Wasser könnte als Metapher für den Verlust der Unschuld und den Beginn des Erwachsenwerdens stehen, bei dem man mit der Realität konfrontiert wird und die kindliche Naivität ablegt.

Schlüsselwörter

frau amme kind blumen brunnen steht weiter schnell

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Stilmittel

Alliteration
Viel stumme, freundliche Grüße
Anapher
Frau Amme, Frau Amme
Bildsprache
Das Kind durchschauert's fremd und kalt
Kontrast
Herauf! Herauf! So meint's das Kind: Der Schatten: Hernieder! Hernieder!
Metapher
Da stehen Blumen und Kräuter
Personifikation
Die Sonne lacht
Symbolik
Der Brunnen