Das Kind

Friedrich von Hagedorn

1754

Als mich die Mama Hänschen küssen sah, Strafte sie mich ab. Doch sie lachte ja, Als ihr der Papa Heut′ ein Mäulchen gab.

Warum lehrt sie mich: Mädchen! mach′s wie ich? Sieh, was andre sind. Nun ich solches thu′, Schmählt sie noch dazu: Ach ich armes Kind!

Schwestern! sagt mir′s fein: Ist mir, weil ich klein, Noch kein Kuß vergönnt? Seht! ich wachse schon, Seit des Nachbars Sohn Mich sein Schätzchen nennt.

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Illustration zu Das Kind

Interpretation

Das Gedicht "Das Kind" von Friedrich von Hagedorn beschäftigt sich mit den Widersprüchen und Doppelmoralen in der Erziehung von Kindern. Das Kind beobachtet, dass seine Mutter es bestraft, wenn es küsst, aber selbst von seinem Vater geküsst wird, ohne dass sie etwas dagegen unternimmt. Dies führt zu Verwirrung und Frustration beim Kind, das nicht versteht, warum es sich anders verhalten soll als die Erwachsenen. Das Gedicht verdeutlicht die Problematik, dass Kinder oft mit widersprüchlichen Verhaltensweisen konfrontiert werden. Die Mutter lehrt das Kind, sich wie sie zu verhalten, doch gleichzeitig bestraft sie es für Handlungen, die sie selbst bei anderen akzeptiert. Diese Inkonsistenz führt dazu, dass sich das Kind ungerecht behandelt fühlt und sich fragt, ob es aufgrund seines Alters noch keinen Kuss verdient hat. Das Gedicht endet mit einer Frage des Kindes an seine Schwestern, ob es vielleicht noch zu jung für einen Kuss ist. Gleichzeitig deutet es jedoch an, dass das Kind heranwächst und von anderen als "Schätzchen" bezeichnet wird. Dies zeigt die Ambivalenz des Heranwachsens und die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für bestimmte Verhaltensweisen und Erfahrungen.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Das Kind

Stilmittel

Ironie
Warum lehrt sie mich: Mädchen! mach's wie ich?
Kontrast
Strafte sie mich ab. Doch sie lachte ja
Metapher
Seit des Nachbars Sohn Mich sein Schätzchen nennt
Reimschema
AABB
Rhetorische Frage
Schwestern! sagt mir's fein: Ist mir, weil ich klein, Noch kein Kuß vergönnt?