Das Kapitäl
1875Wie sich aus eines Traumes Ausgeburten aufsteigend aus verwirrendem Gequäl der nächste Tag erhebt: so gehen die Gurten der Wölbung aus dem wirren Kapitäl
und lassen drin, gedrängt und rätselhaft verschlungen, flügelschlagende Geschöpfe: ihr Zögern und das Plötzliche der Köpfe und jene starken Blätter, deren Saft
wie Jähzorn steigt, sich schließlich überschlagend in einer schnellen Geste, die sich ballt und sich heraushält-: alles aufwärtsjagend,
was immer wieder mit dem Dunkel kalt herunterfällt, wie Regen Sorge tragend für dieses alten Wachstums Unterhalt.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Kapitäl" von Rainer Maria Rilke beschreibt die monumentale und rätselhafte Architektur eines Kapitells, eines Bauelements, das den Übergang zwischen Säule und Gebälk bildet. Die Bildsprache ist von einer traumhaften, fast surrealen Qualität, in der sich Formen und Strukturen aus einem verwirrenden, quälenden Zustand erheben. Die "Gurten" der Wölbung deuten auf die sich windenden, nach oben strebenden Linien hin, die aus dem "wirren Kapitäl" hervorgehen. Innerhalb dieses Kapitells befinden sich "verschlungene, flügelschlagende Geschöpfe", die ein Gefühl von Zögern und plötzlicher Bewegung vermitteln. Die "starken Blätter" mit ihrem aufsteigenden "Saft" erinnern an eine explosive, fast gewalttätige Kraft, die sich in einer "schnellen Geste" bündelt und zurückhält. Diese Dynamik symbolisiert den ständigen Kampf zwischen Aufstieg und Fall, zwischen Wachstum und Verfall. Das Gedicht endet mit einem Bild von fallendem Regen, der "Sorge tragend für dieses alten Wachstums Unterhalt" ist. Dieser Regen steht metaphorisch für die beständige, nährende Kraft, die das Leben und die Kunst am Leben erhält. Es ist ein Hinweis auf die zyklische Natur des Daseins und die ewige Wiederkehr von Schöpfung und Zerstörung, die in Rilkes Werk ein zentrales Thema darstellt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- steigt, sich schließlich
- Bildsprache
- jene starken Blätter, deren Saft
- Hyperbel
- alles aufwärtsjagend
- Metapher
- wie Regen Sorge tragend
- Personifikation
- der nächste Tag erhebt
- Symbolik
- Dunkel