Das kananäische Weib
1844Als der Herr in Südons Land gekommen, Naht ein kananäisch Weiblein sich. »Herr!« spricht sie in Demut und in Frommen, »Herr! erbarme meiner Tochter dich! Sieh, sie liegt daheim in großen Peinen, Denn es wohnt in ihr ein böser Geist.« Und voll Trauer hebt sie an zu weinen, Als der Herr sie strenge von sich weist.
Doch sie schaut in seiner Augen Prachten, Und ihr treues Herz bleibt ungeschreckt, Einem Hündlein gleich will sie sich achten, Das die Krümlein von der Erde leckt, Ihre Demut hat sich durchgerungen: »Weib, dein Glaub′ hat dir geholfen«, spricht Jesu süße Stimme, und bezwungen Weicht der finstre Geist dem Gnadenlicht.
Kann nur Demut uns den Segen bringen, Und ich schnöder Wurm der Sterblichkeit Meine noch, es müsse mir gelingen, Da ich doch von Demut noch so weit? Hab′ ich nur ein kleines Leid getragen, Einen Heller meiner großen Schuld, Fühl′ ich gleich ein leises Wohlbehagen Über meine Stärke und Geduld.
Seele mein, hast du denn ganz vergessen Deiner Sünden, dunkler wie die Nacht, Hast den Quell im Sande stolz gemessen Und der weiten Wüste nicht gedacht? Ach wie täuschte dich die Eigenliebe Über dein Beginnen sonder Treu′, Eine Mücke fängst du auf dem Siebe, Das Kamel verschlingst du sonder Scheu.
Denkst wohl gar Verdienste zu gewinnen, Wähnst um dich die Siegespalmen grün; Ach, was du auch immer magst beginnen, Deiner Kräfte äußerstes Bemühn, Könntest tausend Jahr′ dem Herrn du dienen, In Zerknirschung büßend fort und fort, Deinen Frevel kannst du nimmer sühnen, Gnade bleibt dein einz′ges Hoffnungswort.
Und wie wenig hast du nicht gelitten In der Reue bittrer Läutrungsglut, Und wie lau und schwächlich nicht gestritten Gegen deiner innern Feinde Wut! Kannst du eine Viertelstunde nennen, Wo du ganz und gar dem Herrn gehört, Keine Wünsche dich von Jesu trennen, Kein Gedanke dein Gebet gestört?
Ach, mit jedem meiner Seufzer treten Neue Sünden vor dein Angesicht. Herr! Ich bin nicht wert, zu dir zu beten, Schone mein, du starker Gott im Licht! O! mich faßt ein ungeheurer Schrecken, Daß ich so vermessen mich erkühnt, Weh, mein ganzes Leben ist ein Flecken, Jede Stunde hat den Tod verdient.
Dennoch, dennoch darfst du nicht verzagen, Nicht in deines tiefsten Elends Drang, Mußt die Schmerzen grimm, die in dir nagen, Fesseln mit der Hoffnung süßem Zwang. Jesus will es, und du mußt vollbringen, Ob dich seine Milde fast zerdrückt, Darfst nicht trotzend in Verzweiflung ringen, Wie der eigne Wille dich berückt.
Wie der Pharus an dem Seegestade Frieden leuchtet durch der Stürme Wut, Strahlt so mildiglich das Kreuz der Gnade, Drum nur Mut, bedrängte Seele, Mut! Halte fest in Demut und Vertrauen, Seele mein, mit deiner ganzen Macht; Siehe wie fünf rote Sonnen schauen Jesu Wunden durch die wüste Nacht.
Und wie einst die Arche trug das Leben Durch der Sünde allgemeinen Tod, Wird das süße Kreuz mich rettend heben, Wenn entsetzlich das Verderben droht. Ja, ich will auf Jesu Worte bauen, Seh ich gleich nicht ihn und nur die Nacht, Fest nur, fest in Demut und Vertrauen, Seele mein, mit deiner ganzen Macht!
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Interpretation
Das Gedicht "Das kananäische Weib" von Annette von Droste-Hülshoff erzählt die biblische Geschichte einer kananäischen Frau, die Jesus um Hilfe für ihre von einem bösen Geist besessene Tochter bittet. Trotz anfänglicher Ablehnung durch Jesus bleibt die Frau demütig und beharrlich, was letztendlich zu ihrer Heilung führt. Das Gedicht nutzt diese Geschichte als Ausgangspunkt für eine tiefere Reflexion über Demut, Sünde und Erlösung. Die Autorin verwendet die Erzählung als Metapher für die menschliche Existenz und den Kampf mit der eigenen Sündhaftigkeit. Sie betont die Bedeutung der Demut und des unerschütterlichen Glaubens angesichts der eigenen Unvollkommenheit und der unermesslichen Gnade Gottes. Das Gedicht beschreibt die Schwierigkeit, wahre Demut zu bewahren, und die Neigung des Menschen, sich selbst zu täuschen und seine eigenen Leistungen zu überschätzen. Abschließend bietet das Gedicht eine Botschaft der Hoffnung und Ermutigung. Trotz der Anerkennung der eigenen Sündhaftigkeit und der Unfähigkeit, diese durch eigene Anstrengungen zu sühnen, betont die Autorin die Bedeutung des Festhaltens an Jesus und dem Kreuz als Symbol der Gnade. Die Metapher des Leuchtturms und der Arche verstärkt die Idee des Trostes und der Erlösung, die durch den Glauben an Jesus Christus gefunden werden können, selbst in den dunkelsten Zeiten des Lebens.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Weh, mein ganzes Leben ist ein Flecken
- Anapher
- Herr! erbarme meiner Tochter dich!
- Hyperbel
- Könntest tausend Jahr' dem Herrn du dienen
- Metapher
- Einem Hündlein gleich will sie sich achten
- Personifikation
- Neuer Sünden vor dein Angesicht
- Rhetorische Frage
- Kann nur Demut uns den Segen bringen
- Synästhesie
- Jesu Wunden durch die wüste Nacht
- Vergleich
- Wie der Pharus an dem Seegestade