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Das Kammermädchen

Von

O was für Augen! welch ein Mund!
Die Brust, wie weis, wie voll, wie rund!
Wie schalkhaft der verstohlne Blick!
Der schlanke Leib, welch Meisterstück!

Wahrhaftig! ja, sie ist zu schön!
Wer kann der Sehnsucht wiederstehn?
Mich ladet Mund und Busen ein;
Das Mädchen muß geküsset seyn – –

Doch, Chloris schreyt? – Nein, halte nicht
Den Fächer spröde vors Gesicht!
Gewiß, ich redte nicht von dir,
Dein Kammermädchen meynt ich hier.

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Gedicht: Das Kammermädchen von Christian Felix Weiße

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Das Kammermädchen“ von Christian Felix Weiße ist eine charmante, humorvolle Betrachtung der Anziehungskraft und des Begehrens, die durch die subtile Wendung am Ende eine überraschende Pointe erhält. Das lyrische Ich beschreibt zunächst, in ekphrastischer Manier, die körperliche Schönheit des Kammermädchens, wobei es dessen Augen, Mund, Brust und schlanken Leib lobt. Die Sprache ist lebendig und sinnlich, was die unmittelbare Anziehung und das Verlangen des Sprechers deutlich macht. Der Wechsel von den beschreibenden Adjektiven und Ausrufen zu den direkten Fragen und dem Wunsch nach einem Kuss zeigt die wachsende Intensität der Begierde.

Der zweite Teil des Gedichts beginnt mit dem Eingeständnis der Unvermeidbarkeit des Begehrens: „Wer kann der Sehnsucht widerstehn?“. Diese rhetorische Frage unterstreicht die Macht der Anziehung und die Unfähigkeit des Sprechers, ihr zu entkommen. Die explizite Aufforderung „Das Mädchen muß geküsset seyn“ kulminiert in dem Wunsch nach körperlicher Nähe. An dieser Stelle wird die Erwartung des Lesers auf einen Liebesakt oder zumindest eine Annäherung an das Objekt der Begierde gelenkt.

Die plötzliche Wendung am Ende des Gedichts ist ebenso überraschend wie amüsant. Das Schreien von Chloris und die Reaktion des lyrischen Ichs suggerieren zunächst, dass die erotischen Fantasien des Sprechers auf die Frau selbst, Chloris, gerichtet sind. Doch die Aufklärung, dass das Kammermädchen gemeint war, entlarvt die vordergründige Anziehung und enthüllt eine spielerische Ironie. Diese Pointe lenkt die Aufmerksamkeit auf eine niedere Instanz und entkräftet die Ernsthaftigkeit der ursprünglichen Sehnsucht.

Die Stärke des Gedichts liegt in seiner subtilen Doppeldeutigkeit und der Fähigkeit, Erwartungen zu unterlaufen. Es ist eine humorvolle Auseinandersetzung mit der menschlichen Natur, dem Begehren und den feinen Unterschieden zwischen den Klassenstrukturen. Weiße spielt mit der Neugier des Lesers und der Überraschung durch die unerwartete Auflösung, die das Gedicht zu einem kurzweiligen und einprägsamen Meisterwerk macht.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.