Zog der junge Wladislaw, zu jagen,
Einst von seiner hohen Burg herunter.
Wie er durch ein Dörflein kam gegangen,
Kam ein weißes Kätzlein, das die Hunde
Aufgescheucht, an ihm vorbeigesprungen.
Und er mochte nicht mehr jagen gehen,
Sondern mußte immer, immer horchen,
Wie es sprach in seinem lieben Herzen:
Daß ich doch dein kleines Kätzlein wäre,
Das an deinem Bette jeden Morgen
Bettelnd steht und lang nach deinen Augen,
Nach den zugeschlossenen lieben Augen,
Harrend blinzt, bis du sie aufgeschlagen.
Wie das kleine Kätzlein das ersiehet,
Schnurrt und spinnt es und die weichen Seiten
Drückt es schmeichelnd an des Bettes Pfosten.
Und du sagst dem Kätzlein guten Morgen
Und du streckst die runden weißen Arme
Aus dem Bett und nimmst die kleine Katze,
Legst sie neben dich auf’s linde Kissen,
Streichelst ihr die Stirne und den Rücken.
Und das Kätzlein auf dem linden Kissen
Liegt bei deinen weißen, warmen Brüsten,
Die in sanftem Athemzug sich heben
Und sich senken, wie zwei reine Lilien
Auf des Flusses grüner Welle schwebend
Bald sich tauchen unter sanfte Wogen,
Bald erscheinen mit den süßen Kelchen.
Und das Kätzlein auf dem linden Kissen,
Und das Kätzlein, das du schwatzend streichelst,
Und das Kätzlein an den weißen Brüsten,
Die gleich Wasserlilien ruhig wogen,
Schnurrt und spinnt und drücket zu die Augen;
Daß ich doch dein kleines Kätzlein wäre!
Das Kätzlein
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Das Kätzlein“ von Friedrich Theodor Vischer entfaltet eine melancholische Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, die sich in der einfühlsamen Beobachtung eines Kätzchens widerspiegelt. Die zentrale Figur, der junge Wladislaw, wird von einer tiefen Sehnsucht erfasst, als er ein kleines, weißes Kätzchen beobachtet, das ihn anzieht. Dieser Wunsch nach einfacher Zuneigung und Vertrautheit, symbolisiert durch das Kätzchen, wird zum Kern der poetischen Reflexion.
Die Struktur des Gedichts ist durch einen Wechsel von äußerer Beobachtung und innerer Reflexion gekennzeichnet. Der Dichter beginnt mit der Beschreibung des Wladislaw, der auf der Jagd ist, und leitet dann zu dessen inneren Gedanken über. Das Kätzchen, das er sieht, wird zum Auslöser einer Fantasie, in der er sich selbst in der Rolle des Tieres sieht. Er sehnt sich danach, die gleiche Zuneigung und Aufmerksamkeit zu erfahren, die das Kätzchen von seinem Herrchen erhält. Die detaillierte Beschreibung der Szene, in der das Kätzchen auf dem Kissen liegt und gestreichelt wird, verstärkt diese Sehnsucht und macht die emotionale Tiefe des Gedichts deutlich. Die wiederholte Verwendung des Satzes „Daß ich doch dein kleines Kätzlein wäre!“ unterstreicht die Intensität des Wunsches.
Die bildhafte Sprache und die sinnlichen Details spielen eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der Stimmung. Vischer nutzt Metaphern wie die „reinen Lilien“ für die Brüste der geliebten Person und die „grüne Welle“ für das Kissen, um eine Idylle von Ruhe, Schönheit und Zärtlichkeit zu erschaffen. Das Schnurren und Spinnen des Kätzchens, das Drücken der weichen Seiten und das Blinzeln nach den geschlossenen Augen werden mit großer Sorgfalt beschrieben, um die Vorstellung von Geborgenheit und Nähe zu vermitteln. Diese detaillierte Beschreibung der sinnlichen Erfahrung des Kätzchens dient als Spiegelbild der tiefen Sehnsucht nach Liebe und Wärme des Wladislaw.
Das Gedicht lässt sich als eine Reflexion über die menschliche Sehnsucht nach einfacher, bedingungsloser Liebe interpretieren. Der Wunsch, ein kleines, unschuldiges Wesen zu sein, das Zuneigung und Geborgenheit erfährt, spricht von einer tiefen Sehnsucht nach Ruhe und Harmonie. Die Jagd des Wladislaw symbolisiert das rastlose Streben nach Zielen, während das Kätzchen die Gegenwelt darstellt, die von Ruhe, Frieden und der Einfachheit der Liebe geprägt ist. Durch diese Gegenüberstellung verdeutlicht Vischer die innere Leere und das Verlangen nach dem, was wirklich zählt: die Wärme der menschlichen Nähe.
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