Das Kätzlein

Friedrich Theodor Vischer

1888

Zog der junge Wladislaw, zu jagen, Einst von seiner hohen Burg herunter. Wie er durch ein Dörflein kam gegangen, Kam ein weißes Kätzlein, das die Hunde Aufgescheucht, an ihm vorbeigesprungen. Und er mochte nicht mehr jagen gehen, Sondern mußte immer, immer horchen, Wie es sprach in seinem lieben Herzen: Daß ich doch dein kleines Kätzlein wäre, Das an deinem Bette jeden Morgen Bettelnd steht und lang nach deinen Augen, Nach den zugeschlossenen lieben Augen, Harrend blinzt, bis du sie aufgeschlagen. Wie das kleine Kätzlein das ersiehet, Schnurrt und spinnt es und die weichen Seiten Drückt es schmeichelnd an des Bettes Pfosten. Und du sagst dem Kätzlein guten Morgen Und du streckst die runden weißen Arme Aus dem Bett und nimmst die kleine Katze, Legst sie neben dich auf’s linde Kissen, Streichelst ihr die Stirne und den Rücken. Und das Kätzlein auf dem linden Kissen Liegt bei deinen weißen, warmen Brüsten, Die in sanftem Athemzug sich heben Und sich senken, wie zwei reine Lilien Auf des Flusses grüner Welle schwebend Bald sich tauchen unter sanfte Wogen, Bald erscheinen mit den süßen Kelchen. Und das Kätzlein auf dem linden Kissen, Und das Kätzlein, das du schwatzend streichelst, Und das Kätzlein an den weißen Brüsten, Die gleich Wasserlilien ruhig wogen, Schnurrt und spinnt und drücket zu die Augen; Daß ich doch dein kleines Kätzlein wäre!

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Illustration zu Das Kätzlein

Interpretation

Das Gedicht "Das Kätzlein" von Friedrich Theodor Vischer handelt von einem jungen Mann namens Wladislaw, der auf dem Weg zu einer Jagd von einem weißen Kätzchen abgelenkt wird. Die Begegnung mit dem Kätzchen lässt ihn seine ursprüngliche Absicht vergessen und stattdessen von einer innigen Beziehung zu dem Tier träumen. In seiner Fantasie sieht Wladislaw das Kätzchen als treuen Begleiter an seinem Bett, der jeden Morgen auf ihn wartet und nach seinen Augen blickt. Er stellt sich vor, wie er das Kätzchen streichelt und es sich an ihn schmiegt, während es schnurrt und spinnt. Die Beschreibung der weißen Brüste des Mannes, die sich im Rhythmus des Atems heben und senken, verleiht der Szene eine sinnliche und fast erotische Note. Das Gedicht endet mit dem wiederholten Wunsch des Mannes, das Kätzchen zu sein, das er so innig liebt und das ihm so viel Geborgenheit und Zuneigung schenkt. Die tiefe Sehnsucht nach einer engen Verbindung und die Fähigkeit des Kätzchens, Trost und Freude zu spenden, stehen im Mittelpunkt dieser poetischen Betrachtung.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Das Kätzlein

Stilmittel

Alliteration
Schnurrt und spinnt
Anapher
Und das Kätzlein auf dem linden Kissen
Bildsprache
Die Wogen, die sich heben und senken
Hyperbel
Immer, immer horchen
Kontrast
Das Jagen vs. das Horchen auf das Kätzlein
Metapher
Daß ich doch dein kleines Kätzlein wäre
Personifikation
Das Kätzlein spricht im Herzen
Symbolik
Die weißen Lilien als Symbol der Reinheit
Vergleich
Die weißen Arme wie Lilien
Wiederholung
Und das Kätzlein auf dem linden Kissen