Das Joch am Leman

Conrad Ferdinand Meyer

1864

“Die einen liegen tot mit ihren Wunden, Die andern treiben wir daher gebunden! Den Römeraar der Zwillingslegion, Im Männerkampf, im Rossgestampf entrissen Der eingegarnten Wölfin scharfen Bissen, Schwingt Divico, der Berge Sohn!”

Weit blaut die Seeflut. Scheltend jagen Treiber Am Ufer einen Haufen Menschenleiber, Die nackte Schmach umjauchzt Triumphgesang, Ein Jüngling kreist auf einem falben Pferde Um die zu zwein gepaarte Römerherde Die Krümmen des Gestads entlang.

Er schleudert auf den Aar mit stolzem Schreie, Er schickt den Ruf empor zur Firnenreihe - Die Grät und Wände blicken gross und bleich -: “Hebt, Ahnen, euch vom Silbersitz, zu schauen Die Pforte, die wir für den Räuber bauen Der sich verstieg in euer Reich!

Wir bauen nicht mit Mörtel noch mit Steinen, Zwei Speere pflanzt! Querüber bindet einen! Zwei Römerköpfe drauf! Es ist getan!” - Das Joch umstehn verwogne Kriegsgesellen Mit Auerhörnern und mit Bärenfellen Und schauen sich das Bauwerk an.

Die Hörner dröhnen. Zu der blutgen Pforte Strömt her das Volk aus jedem Tal und Orte, Gross wundert sich am Joch die Kinderschar, Ein Mädelreigen springt in heller Freude Um das von Schande triefende Gebäude, Den blühnden Veilchenkranz im Haar.

Der Manlierstirn verzogne Brauen grollen, Des Claudierkopfs erhitzte Augen rollen - Der Hirtenknabe geisselt wie ein Rind Den Brutusenkel. Sich durchs Joch zu bücken, Krümmt jetzt das erste Römerpaar den Rücken, Und gellend lacht das Alpenkind.

Mit starren Zügen blickt, als ob er spotte, Ein Felsenblock, der eigen ist dem Gotte, Drauf hoch des Landes Priesterinnen stehn: Ein hell Geschöpf in sonnenlichten Flechten Und eine Drude mit geballter Rechten Und rabenschwarzer Haare Wehn.

Die Dunkle höhnt: “Geht, Römer! Schneidet Stecken! Mit Lumpen gürtet euch und Bettelsäcken! Euch peitsch ein wildes Wetter durch die Schlucht! Verflucht der Steg, darüber ihr gekommen, Und wen ihr euch zum Führer habt genommen, Er sei am ganzen Leib verflucht!”

Die Lichte fleht: “Du blitzest in den Lüften, Umschwebst die Spitzen, hausest in den Klüften, Behüte, Geist der Firn, uns lange noch!” Die beiden singen starke Zauberlieder - Ein Geier hangt im Blau und stösst danieder Und setzt sich schreiend auf das Joch.

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Illustration zu Das Joch am Leman

Interpretation

Das Gedicht "Das Joch am Leman" von Conrad Ferdinand Meyer ist ein eindringliches Werk, das die brutale Unterwerfung der Römer durch die Helvetier am Genfersee (Leman) darstellt. Es schildert die grausame Praxis, die Besiegten durch ein "Joch" aus Speeren und den Köpfen ihrer Kameraden zu führen, als Zeichen ihrer Niederlage und Schande. Das Gedicht vermittelt die Mischung aus Triumph und Grausamkeit, die den Sieg der Helvetier begleitet, und zeigt die tiefe Demütigung der Römer, die gezwungen sind, unter dem Joch hindurchzugehen. Meyer verwendet eine reiche und bildhafte Sprache, um die Szene lebendig werden zu lassen. Die Beschreibungen der Landschaft, der Menschen und der Handlungen sind detailreich und atmosphärisch dicht. Die Figuren, wie Divico, der Anführer der Helvetier, und die Priesterinnen, die als Verkörperungen von Licht und Dunkelheit dargestellt werden, tragen zur Symbolik des Gedichts bei. Die dunkle Priesterin verflucht die Römer, während die lichte um Schutz bittet, was die Ambivalenz der Situation unterstreicht. Das Gedicht thematisiert auch die kulturellen und religiösen Unterschiede zwischen den Helvetiern und den Römern. Die Helvetier werden als wild und naturverbunden dargestellt, während die Römer als zivilisiert, aber letztlich unterworfen erscheinen. Die Anrufung der Ahnen und die Zauberlieder der Priesterinnen verdeutlichen die spirituelle Verbundenheit der Helvetier mit ihrer Umwelt und ihren Göttern. Abschließend lässt das Gedicht den Leser über die Natur von Sieg und Niederlage, von Schande und Stolz nachdenken. Es zeigt, wie die Sieger die Besiegten demütigen und wie die Landschaft und die Kultur der Sieger in den Vordergrund treten. Die letzten Zeilen, in denen ein Geier auf das Joch herabsinkt, symbolisieren das drohende Unheil und die Vergänglichkeit aller Macht. Meyer schafft mit diesem Gedicht ein eindrucksvolles Bild der Vergangenheit, das auch heute noch nachwirkt.

Schlüsselwörter

joch gross schauen pforte bauen zwei drauf verflucht

Wortwolke

Wortwolke zu Das Joch am Leman

Stilmittel

Alliteration
Schleudert auf den Aar
Bildsprache
Ein Geier hangt im Blau
Hyperbel
Das ganze Volk strömt her
Ironie
Ein Mädelreigen springt in heller Freude um das Gebäude
Kontrast
Die Lichte und die Dunkle
Metapher
Das ganze Volk strömt her
Personifikation
Die Grät und Wände blicken gross und bleich
Symbolik
Das Joch als Symbol der Erniedrigung