Das Insekt

Hugo Ball

1919

Laßt uns den Gottesdienst des Insekts aufrichten! Lasset uns einen Gott anbeten, der Augen hat, die wie Rubine stechen! Der Flügel hat, voll hieratisch zuckender Aufregungen frühgotischer Fenster. Und einen roten Leib.

Seine Beine sind lang wie die Lotfäden, die von den Schiffen herunterhängen In die finsteren Meere. Sein Leib ist errichtet in der obszönen Gelenkigkeit Der Seiltänzer, Akrobaten und Kabarettistinnen. Wenn ihn Wollust verkrampft, Vermag er den eigenen Stachel zu lecken.

Ganz kleine Hände haben die Stammesgenossen. Sie wohnen in den nassen Fichten. Wahnsinnig sind sie vor zuviel Empfindlichkeit. Sie zucken vor Schmerzen bei jedem Hauch. Ihre Augen sind lebende Edelsteine. Doch es gibt Sekten und Priesterschaften, Die starren nur stets apathisch vor sich hin.

Sie unternehmen viel donquichotische Feldzüge gegen den Himmel. Sie surren wie Flugmaschinen. Sie sind ein Geschlecht von Entdeckern und kennen die Tragikkomödien der Kühnheit. Tagsüber sind sie verborgen in den Wäldern, die von den Zeltlagern der Spinnen Und weißen Traghimmeln wundersam überdeckt sind.

Manche auch aus den Millionen des Volkes suchen die Gloriolen der Sonne auf: Die kleinen Fatamorganen und Luftgebilde und Strahlenvorhöfe des Kopfgestirns. Dort führen sie ein goldhymnisches Dasein mit Tanzen und Toben und stürzen Kopfüber auf Gartentische herab und begatten sich wütend.

Andere steuern vorbei an Kirchtürmen, Fabrikschloten und Dämmerungen Über die höllischen Städte und Brückenbögen und Eiffeltürme Über die drohenden Dampfkräne der Hafenstädte, die Wolkenkratzer Newyorks Nach unratbaren Zielen der Schwermut.

Sie haben Völker und Götter und Mythen untereinander. Althochheilige Bräuche Und Philosophien. Sie sind Feueranbeter. Sie pflegen den Selbstmord. Sie fliehen die Erde und deren Plumpheit. Sie sind nicht abzuhalten Von ihrem Verderben.

Sie nahen in großen Zügen den Bogenlampen, den öffentlichen Schaustellungen Und Bahnhofshallen. Wo in verschollner Gelehrtenstube eines Gebirgsdorfes Eine weitsichtbare Lampe brennt, dort sitzen sie in großen Versammlungen, Ganz verzückt und stieren maßlos ins Licht.

Dreimal und viermal und zehnmal mit dem Furor der Besessnen und Todgeweihten Stürzen sie sich in die Magie dieses Feuermeers, hochtrabend und gierig. Bis sie vom Funken erfaßt aufknistern und prasseln und Schiffbruch leiden Wie Segelschiffe mit brennendem Takelwerk.

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Illustration zu Das Insekt

Interpretation

Das Gedicht "Das Insekt" von Hugo Ball ist eine vielschichtige Auseinandersetzung mit der Natur und dem Verhalten von Insekten, die als Metapher für menschliche Gesellschaft und Spiritualität dient. Ball erhebt das Insekt zu einem Gegenstand der Verehrung, indem er einen "Gottesdienst des Insekts" einleitet. Das Insekt wird als göttliches Wesen mit rubinroten Augen und einem roten Leib beschrieben, dessen Körper in "obszöner Gelenkigkeit" an Akrobaten und Kabarettistinnen erinnert. Diese Darstellung verleiht dem Insekt eine fast mythische Qualität und hebt es aus seiner gewöhnlichen Rolle als kleines, unbedeutendes Lebewesen heraus. Die Insekten werden als ein Volk mit eigenen Kulturen, Religionen und Mythen dargestellt. Sie unternehmen "donquichotische Feldzüge gegen den Himmel" und sind "ein Geschlecht von Entdeckern", was auf einen menschenähnlichen Drang nach Erkenntnis und Abenteuer hindeutet. Ihre Aktivitäten werden in verschiedenen Umgebungen beschrieben, von den Wäldern bis zu den Städten, was ihre Anpassungsfähigkeit und Allgegenwart unterstreicht. Die Insekten werden als "Feueranbeter" bezeichnet, die sich von der "Plumpheit" der Erde abwenden und einem "Verderben" entgegensteuern, was auf eine existenzielle Suche nach Transzendenz oder Erleuchtung hindeutet. Das Gedicht kulminiert in der Beschreibung des tödlichen Zuges der Insekten zu Lichtquellen. Dieses Verhalten wird als eine Art religiöser Ritus dargestellt, bei dem die Insekten sich "mit dem Furor der Besessnen und Todgeweihten" in das "Feuermeer" stürzen. Die Parallele zu menschlichen religiösen Praktiken und dem Streben nach spiritueller Erleuchtung ist offensichtlich. Das Gedicht endet mit dem Bild der Insekten, die "aufknistern und prasseln" wie brennende Segelschiffe, was sowohl die Schönheit als auch die Tragik ihres Daseins unterstreicht. Ball nutzt die Insekten als Symbol für die menschliche Existenz, die von einem unerfüllbaren Verlangen nach dem Göttlichen und dem letztendlichen Scheitern an den eigenen Begrenzungen geprägt ist.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
aufknistern und prasseln und Schiffbruch leiden wie Segelschiffe mit brennendem Takelwerk
Personifikation
Wenn ihn Wollust verkrampft, vermag er den eigenen Stachel zu lecken
Vergleich
Sie surren wie Flugmaschinen