Das infernalische Abendmahl
1912Ihr, denen ward das Blut vor Trauer bleich, Ihr, die der Sturm der Qualen stets durchrast, Ihr, deren Stirn der Lasten weites Reich, Ihr, deren Auge Kummer schon verglast,
Ihr, denen auf der jungen Schläfe brennt Wie Aussatz schon das große Totenmal, Tretet heran, empfangt das Sakrament Verfluchter Hostien in dem Haus der Qual.
Besteigt die Brücke auf dem schwarzen Fluß, Darüber wallet der Verfluchten Schar. Und dunkel grüßt euch groß der Portikus, Durch den in Dämmrung glänzt der Hochaltar,
Den tausend Kerzen schmücken, die von Blut Und Fett der Ungebornen sind gedreht. Wo Knochen hängen, und der rote Sud Teuflischen Weihrauchs euch entgegenweht.
Wo Priester in der höllischen Soutane In Reihen knien, zu hellem Meßgeläut, Wo von den Kanzeln Fahne über Fahne Wie rote Höllenflamme euch bedräut.
Ein nackter Abt bläht vor dem Götterbild Den feisten Bauch, da er die Messe singt. Er greift den Kelch, mit rotem Blut gefüllt, Den hoch er auf das Haupt der Menge schwingt.
“Trinket mein Blut.” Er trinkt den Becher leer, Der in sein Herz wie rote Lava quillt. Sein Gaumen leuchtet wie ein rotes Meer, Der von dem Glanz des Götterblutes schwillt.
Auf euren Schläfen, wo der Horst der Qual, Die schwarze Bastion der Hölle droht, Springt eine Flamme auf, die spitz und schmal Wie der Skorpione schwarze Zunge loht.
Nachtschwarze Wolken drängen in den Dom Voll Sturm und Blitzen durch das große Tor. Ein Wetter tost. Im schwarzen Regenstrom Versinkt der Orgel Ton im fernen Chor.
Die Gräber springen auf. Der Toten Hand Streckt weiß und kalt die Knochenfinger aus. Sie winken euch aus ihrem dunklen Land. Und ihr Geschrei erfüllt das Riesenhaus.
Die Fliesen brechen auf. Und Lethe braust Tief unten über einen Wasserfall. Der Abgrund schwindelt Meilen tief und saust Voll ungeheurer Stürme weitem Hall.
Die Höllensöhne fahren ihn herab Mit schwarzem Takelwerk durch den Typhon. Sie schauen singend in das weite Grab Vom Totenkopfe ihrer Schiffs-Galion.
Hoch wo das Dunkel seine Schatten türmt Durch Ewigkeiten fern vom Grund der Qual, Hoch oben, wo im Dom der Regen stürmt, Erscheint des Gottes Haupt, wie Morgen fahl.
Die weiten Kirchen füllt der Sphären Traum Voll Schweigen, das wie leise Harfen klingt, Da, wie der Mond vom großen Himmelsraum, Des Gottes weißes Haupt heruntersinkt.
Tretet heran. Sein Mund ist süß wie Frucht, Sein Blut ist, wie der Wein, langsam und schwer. Auf seiner Lippen dunkelroter Bucht Wiegt blaue Glut von fernem Sommermeer.
Tretet heran. Wie Flaum von Faltern zart, Wie eines jungen Sternes goldne Nacht, Zittert sein Mund, in seinem goldnen Bart, Wie Chrysolith in einem tiefen Schacht.
Tretet heran. Wie einer Schlange Haut So kühl ist er, weich wie ein Purpurkleid, Wie Abendrot so sanft, das übergraut Brennender Liebe wildes Herzeleid.
Der Gram gefallner Engel ruht, ein Traum, Auf seiner Stirn, der Qualen weißem Thron, Wie Schläfer traurig, denen floh zum Saum Des blassen Morgens ihre Vision.
Tiefer als tausend leere Himmel tief Ist seine Schwermut, wie die Hölle schön, Wo in den roten Abgrund sich verlief Ein bleicher Sonnenstrahl aus Mittagshöhn.
Sein Leid ist wie ein Leuchter in der Nacht, Schauet die Flamme, die sein Haupt umloht, Und doppelhörnig in der düstren Pracht Aus seinem Lockenwald ins Dunkel droht.
Sein Leid ist wie ein Teppich, drauf die Schrift Der Kabbalisten brennt durch Dunkelheit, Ein Eiland, dem ′vorbei′ ein Segler schifft, Wenn in den Bergen fern das Einhorn schreit.
Sein Leib trägt eines Schattenwaldes Duft, Wo großer Sümpfe Trauervögel ziehn, Ein König, der durch seiner Ahnen Gruft Nachdenklich geht in weißem Hermelin.
Tretet heran, entflammt von seinem Gram. Trinkt seinen Atem, der so kühl wie Eis, Der über tausend Paradiese kam, Voll Duft, der jeden Kummer weiß.
Er lächelt, seht. Und eurer Seele Bild Wird wie ein Weiher, der im Schilfe schweigt, Wo leis des Hirtengottes Flöte schwillt, Der durch die Lorbeerschlucht heruntersteigt.
Schlaft ein. Die Nacht, die schwarz im Dome hängt, Verlöscht die Lampen an dem Hochaltar. Der große Adler seines Schweigens senkt Auf eure Stirn sein dunkles Schwingenpaar.
Schlaft, schlaft. Des Gottes dunkler Mund, er streift Euch herbstlich kühl, wie kalter Gräber Wind, Darauf des falschen Kusses Blume reift, Wie Mehltau giftig, gelb wie Hyazinth.
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Interpretation
Das Gedicht "Das infernalische Abendmahl" von Georg Heym beschreibt eine düstere und verstörende Szene in einem höllischen Dom. Die erste Strophe richtet sich an Menschen, die von Trauer und Qual gezeichnet sind, und lädt sie ein, das Sakrament der verfluchten Hostien im Haus der Qual zu empfangen. Die zweite Strophe beschreibt den Weg in den Dom über eine Brücke über einen schwarzen Fluss und den Anblick des Portikus und des Hochaltars, der von tausend Kerzen geschmückt ist, die aus dem Blut und Fett ungeborener Kinder gedreht wurden. Die dritte Strophe schildert die Priester in ihren höllischen Soutanen, die in Reihen knien und zur Meßglocke singen. Auf den Kanzeln wehen rote Fahnen wie Höllenflammen. Ein nackter Abt bläht seinen fetten Bauch vor dem Götterbild und trinkt aus einem Kelch mit rotem Blut, den er dann auf die Menge schwingt. Die vierte Strophe beschreibt die Auswirkungen des Trinkens des Blutes: Es quillt wie rote Lava ins Herz, der Gaumen leuchtet wie ein rotes Meer und die Stirn, wo die Bastion der Hölle droht, wird von einer spitz zulaufenden Flamme erfasst. Die fünfte Strophe schildert einen Sturm, der in den Dom zieht, mit schwarzen Wolken, Blitzen und einem tosenden Gewitter. Die Gräber öffnen sich und die Toten strecken ihre kalten Knochenfinger aus und winken den Lebenden zu. Ihre Schreie erfüllen das Riesenhaus. Die sechste Strophe beschreibt, wie die Fliesen aufbrechen und Lethe, der Fluss der Vergessenheit, durch einen Wasserfall braust. Der Abgrund schwindelt tief und ist voller ungeheurer Stürme. Die Söhne der Hölle fahren mit schwarzem Takelwerk durch den Typhon hinab und schauen singend in das weite Grab von ihrem Totenkopfschiff. Die siebte Strophe wechselt den Blickwinkel und beschreibt das Haupt des Gottes, das hoch oben im Dom erscheint, wie der Morgen fahl. Die weiten Kirchen füllt der Traum der Sphären, voller Schweigen, das wie leise Harfen klingt. Das Haupt des Gottes sinkt herab wie der Mond aus dem Himmelsraum. Die achte Strophe lädt erneut ein, heranzutreten und das Haupt des Gottes zu betrachten. Sein Mund ist süß wie Frucht, sein Blut langsam und schwer wie Wein. Auf seinen dunkelroten Lippen wiegt sich blaue Glut vom fernen Sommermeer. Die neunte Strophe beschreibt die Zartheit und Kühle des Mundes des Gottes, der wie Flaum von Faltern, wie ein junger Sternennacht und wie eine Schlange Haut ist. Die zehnte Strophe schildert die Schwermut und das Leid des Gottes, das tiefer als tausend leere Himmel ist und wie ein Leuchter in der Nacht brennt. Sein Leid ist wie ein Teppich, auf dem die Schrift der Kabbalisten durch die Dunkelheit brennt. Die elfte Strophe beschreibt den Duft des Leibes des Gottes, der an einen Schattenwald erinnert, wo Trauervögel ziehen. Er ist wie ein König, der durch die Gruft seiner Ahnen nachdenklich in weißem Hermelin geht. Die zwölfte Strophe lädt erneut ein, heranzutreten und sich von dem Gram des Gottes entflammen zu lassen. Man soll seinen Atem trinken, der so kühl wie Eis ist und über tausend Paradiese kam, voller Duft, der jeden Kummer weiß. Die dreizehnte Strophe beschreibt ein Lächeln des Gottes, das das Bild der Seele wie einen Weiher im Schilf werden lässt, wo leise die Flöte des Hirtengottes schwillt. Die vierzehnte und letzte Strophe beschwört den Schlaf, in den die Anwesenden fallen sollen. Die Nacht verlöscht die Lampen am Hochaltar und der große Adler seines Schweigens senkt seine dunklen Schwingen auf ihre Stirn. Der dunkle Mund des Gottes streift sie herbstlich kühl wie ein kalter Gräberwind, auf dem sich die Blume des falschen Kusses reift, giftig wie Mehltau und gelb wie Hyazinth.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Des Gottes dunkler Mund, er streift Euch herbstlich kühl, wie kalter Gräber Wind
- Personifikation
- Der Abgrund schwindelt