Das Ideal

Charles-Pierre Baudelaire

1857

Nie sind′s die zarten Schönen der Vignetten, Ärmliche Zeugnisse aus kranker Zeit, Die mit verschnürtem Fuss, die Hand an Kastagnetten, Ein Herz wie meins erfüllt mit Freudigkeit.

Lasst Gavarni die blut- und seelenlosen Lispelnden Schönen aus dem Hospital! Nicht eine dieser schwanken, bleichen Rosen Gleicht meinem glutenroten Ideal.

Nein, für mein abgrundtiefes Herz erwähle Ich, Lady Macbeth, dich, gewaltige Seele, Äschlos′ Traum, erblüht im nordischen Wind;

Und dich, erhabene Nacht, Buonarrotis Kind, Die still in seltsam fremder Ruh′ entfaltet Die Reize, für Titanenmund gestaltet.

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Illustration zu Das Ideal

Interpretation

Das Gedicht "Das Ideal" von Charles-Pierre Baudelaire präsentiert eine radikale Abkehr von den konventionellen Schönheitsidealen seiner Zeit. Der Sprecher lehnt die "zarten Schönen der Vignetten" und die "blut- und seelenlosen" Figuren aus dem Hospital ab, die als schwach und unvollkommen dargestellt werden. Stattdessen sucht er nach einer idealen Schönheit, die seinen "abgrundtiefen" und leidenschaftlichen Charakter widerspiegelt. Diese ideale Schönheit wird durch starke, kraftvolle und fast mythische Figuren repräsentiert. Der Sprecher wählt Lady Macbeth als Symbol für seine ideale Schönheit. Lady Macbeth, bekannt aus Shakespeares Tragödie, verkörpert eine mächtige und entschlossene Persönlichkeit, die bereit ist, alles für ihre Ziele zu tun. Sie steht für eine Schönheit, die nicht nur äußerlich ansprechend, sondern auch innerlich stark und furchtlos ist. Der Sprecher sieht in ihr eine "gewaltige Seele", die seinen eigenen tiefen und intensiven Charakter widerspiegelt. Darüber hinaus erwähnt der Sprecher Äschylos' Traum, der im "nordischen Wind" erblüht, sowie die "erhabene Nacht", die als "Buonarrotis Kind" bezeichnet wird. Diese Bilder verweisen auf die Größe und Majestät der antiken Tragödie und der Renaissance-Kunst. Der Sprecher sehnt sich nach einer Schönheit, die von Titanen geschaffen wurde, einer Schönheit, die über das Gewöhnliche hinausgeht und die Seele berührt. Er strebt nach einer idealen Schönheit, die nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern auch geistig und emotional tiefgründig ist.

Schlüsselwörter

schönen herz nie zarten vignetten ärmliche zeugnisse kranker

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Stilmittel

Bildsprache
erhabene Nacht, Buonarrotis Kind
Hyperbel
Nicht eine dieser schwanken, bleichen Rosen Gleicht meinem glutenroten Ideal
Kontrast
Lasst Gavarni die blut- und seelenlosen Lispelnden Schönen aus dem Hospital
Symbolik
glutenrotes Ideal