Das Ideal
1927Ja, das möchste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn - aber abends zum Kino hast dus nicht weit. Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:
Neun Zimmer - nein, doch lieber zehn! Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn, Radio, Zentralheizung, Vakuum, eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm, eine süße Frau voller Rasse und Verve - (und eine fürs Wochenend, zur Reserve) - eine Bibliothek und drumherum Einsamkeit und Hummelgesumm.
Im Stall: Zwei Ponys, vier Vollbluthengste, acht Autos, Motorrad - alles lenkste natürlich selber - das wär ja gelacht! Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.
Ja, und das hab ich ganz vergessen: Prima Küche - erstes Essen - alte Weine aus schönem Pokal - und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal. Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion. Und noch ne Million und noch ne Million. Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit. Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.
Ja, das möchste!
Aber, wie das so ist hienieden: manchmal scheints so, als sei es beschieden nur pöapö, das irdische Glück. Immer fehlt dir irgendein Stück. Hast du Geld, dann hast du nicht Käten; hast du die Frau, dann fehln dir Moneten - hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer: bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.
Etwas ist immer. Tröste dich.
Jedes Glück hat einen kleinen Stich. Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten. Dass einer alles hat: das ist selten.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Ideal" von Kurt Tucholsky beschreibt eine idealisierte, luxuriöse Lebensvorstellung, die von einem Sprecher formuliert wird. Es beginnt mit der Beschreibung einer prächtigen Villa, die sowohl ländliche Ruhe als auch städtische Annehmlichkeiten bietet. Der Sprecher listet eine Vielzahl von materiellen Gütern und Annehmlichkeiten auf, darunter ein großes Anwesen, Dienerschaft, teure Autos, Pferde, eine gut ausgestattete Küche und vieles mehr. Die Liste der Wünsche wird immer länger und umfasst auch Aspekte wie ewige Gesundheit, Reisen und "famose Kinder". Tucholsky verwendet eine ironische und satirische Sprache, um die Gier und den Wunsch nach materiellem Besitz zu kritisieren. Das Gedicht zeigt, wie der Sprecher von einem immer größer werdenden Wunsch nach mehr und mehr Besitz getrieben wird, ohne jemals zufrieden zu sein. Die Aufzählung der materiellen Güter wird fast schon absurdf, was die Übersteigerung und das Übertriebene dieser Wünsche verdeutlicht. Im letzten Teil des Gedichts wird die Realität des Lebens eingeführt. Der Sprecher erkennt, dass es im wirklichen Leben oft so ist, dass man nie alles haben kann, was man sich wünscht. Es gibt immer etwas, das fehlt oder unvollständig ist. Diese Erkenntnis wird als tröstlich dargestellt, da sie zeigt, dass es normal ist, nicht alles zu haben und dass das Streben nach dem Ideal oft unerreichbar ist. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass es selten ist, jemanden zu finden, der alles hat, was er sich wünscht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Etwas ist immer
- Allusion
- die Zugspitze zu sehn
- Anapher
- Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion. Und noch ne Million und noch ne Million.
- Antithese
- manchmal scheints so, als sei es beschieden nur pöapö, das irdische Glück
- Assonanz
- Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten
- Bildsprache
- Prima Küche - erstes Essen - alte Weine aus schönem Pokal
- Enjambement
- Immer fehlt dir irgendein Stück. Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
- Hyperbel
- Neun Zimmer - nein, doch lieber zehn!
- Ironie
- Alles lenkste natürlich selber - das wär ja gelacht!
- Kontrast
- vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße
- Metapher
- Jedes Glück hat einen kleinen Stich
- Oxymoron
- ländlich-mondän
- Parallelismus
- Hast du Geld, dann hast du nicht Käten; hast du die Frau, dann fehln dir Moneten
- Personifikation
- Einsamkeit und Hummelgesumm
- Reim
- Titel: Das Ideal / Aber, wie das so ist hienieden
- Rhetorische Frage
- Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd
- Wiederholung
- Ja, das möchste