Das Hundegrab auf Oxia
1924Ein Mahnruf
Ein kahles Eiland in der Meereswüste Von Menschen unbewohnt, da nicht ein Quell Hervorbricht aus dem starren Felsengrund, Der Nahrung böte einem Grashalm nur, Indes die Sonne südlich hohe Glut Herniedersendet. So Jahrtausendlang Stand allgemieden, trostlos, wie verfemt Die Klippe da. Doch heute, wer im Boot Der Insel naht - auf einmal staunend sieht Sein Aug’ ein wimmelnd Leben dort am Strand, Wo einst des Todes Schweigen nur geherrscht. Und Grauen wird das Staunen, wenn er sieht: Was dort sich regt, ist schauriger als Tod, Der Wohltat wär’ den Unglückseligen, Verdammt zu langsamen Verschmachtens Qual, Ein Schicksal, das dem schlimmsten Mörder nicht Verhängt das härtste Strafgesetz. Wer sind Die Jammervollen? Was verbrachen sie? Unschuld’ge sind’s, hier grausam eingepfercht Von Menschen, die unmenschlich sind, denn gut Und edel sei der Mensch, indessen sie Vergaßen aller Güte, da es hier Nur Tiere gilt, und für die Folterung Von armen Hunden keine Rechenschaft Zu geben ist am Tage des Gerichts!
Wohl! Überhandnahm, nicht zu dulden mehr, Die Hundeplage, die des Sultans Stadt Gemacht zu räudiger Streuner Tummelplatz, Wohl durften endlich ihres Herrenrechts Die Menschen sich bedienen, notgedrängt. Doch dann auch, wenn es Selbsterhaltung gilt, Geziemt Erbarmen. Der Gerechte, heißt’s Im heil’gen Buch, erbarmt sich seines Viehs. Und wenn auch der Prophet kein solch Gebot Der Milde seinen Gläubigen eingeschärft, Hat er sein Pferd und seine Katze doch Zärtlich geliebt, und in der Notwehr wohl Hätt’ er den scharfen Stahl auch auf ein Tier Gezückt, doch es dem Tode nie geweiht Durch marterndes Verdursten, obdachlos Dem Brand der Sonnenpfeile ausgesetzt, Bis es die Wut befällt und brechend sich Der Blick der schwachen Kreatur, die gern Den Freund im Menschen sieht, verzweiflungsvoll Zu seinem Henker hebt. Wohl ist die Welt Noch heut der Greuel voll, die Menschen auch An Menschen üben. Doch ein letzter Trost Bleibt den Verzweifelnden, wenn übergroß Die Qual ward, mit freiwilligem Entschluß Sie enden, was versagt ist dem Geschöpf, Das ach, vernunftlos, doch nicht seelenlos Sich knechtisch beugen muß dem blinden Recht Des Stärkern. Also in der Zeitung stand Die Mär vom Hundegrab in Oxia. Wohl niemand, will ich glauben, hätt’ er auch Für diesen treuen Spiel- und Leidgefährten Des Menschen sonst kein Herz, konnt’ ungerührt Die Kunde lesen des Entsetzlichen, Das hier nicht blöde Roheit einzelner, Nein, kalte Staatsweisheit verordnet hat, Zur Schmach dem ganzen Volk, das drein sich fügt. Doch, die es schaudernd lasen, fühlten sie Sich tiefer aufgeregt, als wenn sie sonst Von einem Unglück hörten: Daß im Berg Verschüttet wurden arme Häuer, daß Ein Schiff mit aller Mannschaft untersank, Die Pest vieltausend Menschen hingerafft, Was einzig blinder Elemente Schuld? Und keinem fiel es ein, daß täglich hier Ein unerhörter Frevel wird verübt, Den stumm mit anzusehn, das Herzblut ihm Empören sollte? Wirken segensreich In unsrer Stadt und in den Ländern rings Vereine zu gequälter Tiere Schutz, Und geht von keinem, keinem ein Protest Bis hin zum goldnen Horn, da solchen Gräul Zu dulden, dem Jahrhundert Schande macht?
Noch will ich hoffen. Doch was kommen soll, Geschehe bald, bevor die Todesqual Des letzten Opfers diese Christenwelt Verklagt, die das Gebot der Liebe kennt, Und doch so lässig übt die heil’ge Pflicht Der Menschlichkeit!
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Interpretation
Das Gedicht "Ein Mahnruf" von Paul Heyse ist eine eindringliche Anklage gegen die unmenschliche Behandlung von Tieren, insbesondere von Hunden, die auf der Insel Oxia ausgesetzt und dem langsamen Verdursten ausgesetzt wurden. Heyse beschreibt die Insel als einen kahlen, lebensfeindlichen Ort, der plötzlich zum Schauplatz eines grausamen Spektakels wird, als Hunde dort ausgesetzt werden. Er verurteilt die Verantwortlichen für diese Tat als "unmenschlich" und betont, dass selbst in der Notwehr ein Tier nicht derartig qualvoll dem Tod überlassen werden sollte. Heyse ruft zur Empathie und zum Schutz der Tiere auf und kritisiert die Gesellschaft, die solche Gräueltaten stillschweigend hinnimmt. Heyse nutzt das Gedicht als Plattform, um auf die Notwendigkeit von Tierschutzvereinen hinzuweisen und fordert einen lautstarken Protest gegen solche unmenschlichen Praktiken. Er appelliert an die christlichen Werte der Nächstenliebe und Menschlichkeit und mahnt, dass die Gesellschaft nicht länger wegschauen darf, wenn es um das Leid von Tieren geht. Das Gedicht endet mit einem Aufruf zum Handeln, bevor die "Christenwelt" durch das Schicksal der letzten Opfer verurteilt wird, und betont die Dringlichkeit, die heilige Pflicht der Menschlichkeit zu erfüllen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Indes die Sonne südlich hohe Glut Herniedersendet
- Bildsprache
- Von Menschen unbewohnt, da nicht ein Quell Hervorbricht aus dem starren Felsengrund
- Hyperbel
- Verdammt zu langsamen Verschmachtens Qual
- Kontrast
- Und Grauen wird das Staunen
- Metapher
- Menschlichkeit
- Personifikation
- Wo einst des Todes Schweigen nur geherrscht
- Rhetorische Frage
- Was verbrachen sie?