Das Hohelied
1797Des Weibes Leib ist ein Gedicht, Das Gott der Herr geschrieben Ins große Stammbuch der Natur, Als ihn der Geist getrieben.
Ja, günstig war die Stunde ihm, Der Gott war hochbegeistert; Er hat den spröden, rebellischen Stoff Ganz künstlerisch bemeistert.
Fürwahr, der Leib des Weibes ist Das Hohelied der Lieder; Gar wunderbare Strophen sind Die schlanken, weißen Glieder.
O welche göttliche Idee Ist dieser Hals, der blanke, Worauf sich wiegt der kleine Kopf, Der lockige Hauptgedanke!
Der Brüstchen Rosenknospen sind Epigrammatisch gefeilet; Unsäglich entzückend ist die Zäsur, Die streng den Busen teilet.
Den plastischen Schöpfer offenbart Der Hüften Parallele; Der Zwischensatz mit dem Feigenblatt Ist auch eine schöne Stelle.
Das ist kein abstraktes Begriffspoem! Das Lied hat Fleisch und Rippen, Hat Hand und Fuß; es lacht und küßt Mit schöngereimten Lippen.
Hier atmet wahre Poesie! Anmut in jeder Wendung! Und auf der Stirne trägt das Lied Den Stempel der Vollendung.
Lobsingen will ich dir, O Herr, Und dich im Staub anbeten! Wir sind nur Stümper gegen dich, Den himmlischen Poeten.
Versenken will ich mich, o Herr, In deines Liedes Prächten; Ich widme seinem Studium Den Tag mitsamt den Nächten.
Ja, Tag und Nacht studier ich dran, Will keine Zeit verlieren; Die Beine werden mir so dünn - Das kommt vom vielen Studieren.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Hohelied" von Heinrich Heine ist eine hymnische Hommage an die Schönheit des weiblichen Körpers, die als göttliches Meisterwerk gefeiert wird. Heine vergleicht den weiblichen Körper mit einem Gedicht, das von Gott selbst in das "große Stammbuch der Natur" geschrieben wurde. Die Sprache ist dabei durchdrungen von einer tiefen Bewunderung und einer fast religiösen Verehrung für die weibliche Form, die als Höhepunkt der Schöpfung dargestellt wird. Heine beschreibt den Körper der Frau in einer Reihe von poetischen Bildern, die verschiedene Körperteile mit literarischen Elementen vergleichen. Der Hals wird als "göttliche Idee" bezeichnet, die Brüste als "Rosenknospen", die epigrammatisch gefertigt sind, und die Hüften als Offenbarung des "plastischen Schöpfers". Diese Metaphern unterstreichen die künstlerische Perfektion, die Heine in der weiblichen Gestalt sieht, und betonen die Harmonie zwischen Natur und Kunst. Das Gedicht kulminiert in einer Anbetung Gottes als des "himmlischen Poeten", der dieses "Lied" mit Fleisch und Rippen, Hand und Fuß geschaffen hat. Heine verspricht, sich in die "Prächten" dieses Liedes zu versenken und sein Studium Tag und Nacht zu widmen. Der abschließende Hinweis auf die dünnen Beine des Sprechers, die vom "vielen Studieren" kommen, fügt eine humorvolle Note hinzu und unterstreicht die Intensität seiner Bewunderung und Hingabe an die Schönheit des weiblichen Körpers.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Gar wunderbare Strophen sind Die schlanken, weißen Glieder
- Metapher
- Auf der Stirne trägt das Lied Den Stempel der Vollendung
- Personifikation
- Als ihn der Geist getrieben