Das Heidelberger Schloß
1824Euch grüß ich, weite lichtumflossne Räume, Dich, alten reichbekränzten Fürstenbau. Euch grüß ich hohe, dichtumlaubte Bäume Und über euch des Himmels tiefes Blau.
Wohin den Blick das Auge forschend wendet In diesem blütenreichen Friedensraum, Wird mir ein leiser Liebesgruß gesendet; O freud- und leidvoll schönster Lebenstraum!
An der Terrasse hohem Berggeländer War eine Zeit sein Kommen und sein Gehn, Die Zeichen treuer Unterpfänder, Sie sucht ich, und ich kann sie nicht erspähn.
Dort jenes Baumsblatt, das aus fernem Osten Dem westöstlichen Garten anvertraut, Gibt mir geheimer Deutung Sinn zu kosten, Woran sich fromm die Liebende erbaut.
Dem kühlen Brunnen, wo die klare Quelle Um grünbekränzte Marmorstufen rauscht, Entquillt nicht leiser, rascher, Well auf Welle, Als Blick um Blick, und Wort um Wort sich tauscht.
O schließt euch nun, ihr müden Augenlieder! Im Dämmerlicht der fernen, schönen Zeit Umtönen mich des Freundes hohe Lieder; Zur Gegenwart wird die Vergangenheit.
Durch jenen Bogen trat der kalte Norden Bedrohlich unserm friedlichen Geschick; Die rauhe Nähe kriegerischer Horden Betrog uns um den flüchtgen Augenblick.
Aus Sonnenstrahlen webt ihr Abendlüfte Ein goldnes Netz um diesen Zauberort, Berauscht mich, nehmt mich hin, ihr Blumendüfte, Gebannt durch eure Macht kann ich nicht fort.
Schließt euch um mich, ihr unsichtbaren Schranken; Im Zauberkreis, der magisch mich umgibt, Versenkt euch willig, Sinne und Gedanken; Hier war ich glücklich, liebend und geliebt.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Heidelberger Schloß" von Marianne von Willemer ist ein Liebesgedicht, das die Schönheit des Heidelberger Schlosses und seiner Umgebung beschreibt. Die Autorin drückt ihre tiefe Verbundenheit mit diesem Ort aus, der für sie voller Erinnerungen und Emotionen steckt. Die erste Strophe begrüßt die lichtdurchfluteten Räume und den alten Fürstenbau des Schlosses sowie die hohen, dicht belaubten Bäume und den tiefblauen Himmel darüber. Die zweite Strophe beschreibt die Suche nach einem geliebten Menschen, der einst an der Terrasse des Schlosses auf und ab ging. Die Zeichen seiner Treue werden vergeblich gesucht. In der dritten Strophe wird ein Baumblatt erwähnt, das aus dem fernen Osten stammt und dem westöstlichen Garten anvertraut wurde. Dieses Blatt gibt der Autorin geheime Deutungen und ist ein Gegenstand der Verehrung für die Liebende. Die vierte Strophe vergleicht den Austausch von Blicken und Worten mit dem Rauschen eines kühlen Brunnens, der von einer klaren Quelle gespeist wird. Die fünfte Strophe beschreibt das Schließen der müden Augenlider im Dämmerlicht der fernen, schönen Zeit. Die Lieder des Freundes umgeben die Autorin und machen die Vergangenheit zur Gegenwart. Die sechste Strophe erwähnt den Einbruch des kalten Nordens durch einen Bogen, der das friedliche Leben bedroht und den flüchtigen Augenblick betrügt. Die siebte Strophe beschreibt, wie die Abendlufte ein goldenes Netz um den Zauberort weben und die Blumendüfte die Autorin berauschen und gefangen halten. Die letzte Strophe bittet die unsichtbaren Schranken, sich um die Autorin zu schließen und sie in den magischen Kreis zu ziehen, in dem sie glücklich, liebend und geliebt war.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Euch grüß ich, weite lichtumflossne Räume, Dich, alten reichbekränzten Fürstenbau.
- Apostrophe
- O schließt euch nun, ihr müden Augenlieder!
- Metapher
- Im Zauberkreis, der magisch mich umgibt
- Personifikation
- Berauscht mich, nehmt mich hin, ihr Blumendüfte
- Vergleich
- Entquillt nicht leiser, rascher, Well auf Welle, Als Blick um Blick, und Wort um Wort sich tauscht.