Das Haus

Walter Rheiner

1895

Berg der Kammern. Woher wuchsest du Maden-Leib? Aus Nacht gekittet, in den Tag gemauert, der, dich umjohlt, Höhlung wunderlichen Getiers: Fuchsbau, Schlangennest, Maulwurfhügel, Raubtierkäfig!

Was geschiehet in deinem Geripp, da der Treppen Brand aufflackert gegen das lastende Dach, das die Himmel verbaut? Was hinter den Fenstern, da in den kalten Ecken Sonnenlicht, trüber Schein, sich verkriecht und stirbt?

Welche Wesen bevölkern dich? Welche Motten umschwirren die giftigen Lampen? Welche Schreie tönen? Welche Tat wird getan? Wer stirbt? Wer wird geboren? Wer flucht? Wer stöhnt? Wer jammert? Wer lacht? Wer träumt?

- Ungeheuer! Kreißender Fels. Modernd Skelett. Arme gereckt in der Nacht. Verschlungne Körper im Schlaf. Prügel. Kuß. Hunger. Krank. Gesang und Gold. Mord und Raub. Menschen. Der Gott geht um!

Gespenster. Mutter und Vater. Trauernder Sohn. Wirre Tochter. - Kinder in Tapeten vergehend. Stinkend Gedärm: Aborte. Schmieriges Bett. Gäste. Lärm. Tabakqualm, ölige Speisen.

Vater-Unser. Gebet. Schleichen in der Nacht. Räudiger Hund an der Tür. Klingel. Schlurfen. Begrüßung. Geschäfte. Auf und ab -: zuckendes Hirn! Hundert, die gehn und kommen. Der Arzt. Der Tod.

Haus: röchelnder Lindwurm. Gefängnis. Wald aus mürben Brettern. Knarrendes Knochen-Tier. Gähnender Rachen. Schnappendes Maul. Zottige Tatzen. Haus: Klumpen Mensch. Turm böser Winde. Hölle.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Das Haus

Interpretation

Das Gedicht "Das Haus" von Walter Rheiner beschreibt ein Haus als ein dunkles, beängstigendes und mysteriöses Wesen. Das Haus wird als "Berg der Kammern" bezeichnet, der aus der Nacht gewachsen ist und in den Tag gemauert wurde. Es wird mit verschiedenen Tierhöhlen wie Fuchsbau, Schlangennest und Maulwurfhügel verglichen, was auf eine unheimliche und bedrohliche Atmosphäre hinweist. Das Gedicht wirft Fragen über das Leben und die Aktivitäten im Haus auf. Es fragt, was in den Räumen und Ecken geschieht, wer dort lebt und welche Schicksale sich abspielen. Die Bilder von Motten, die um giftige Lampen schwirren, Schreien, Taten, Geburten, Flüchen, Stöhnen, Jammern, Lachen und Träumen erzeugen eine beklemmende Stimmung und lassen auf ein Leben voller Leid und Verzweiflung schließen. Das Haus wird als ein Ort des Grauens und der Verderbtheit dargestellt. Es wird als "ungeheuer" beschrieben, als ein "kreissender Fels" und ein "moderndes Skelett". Es werden Bilder von Prügeln, Küssen, Hunger, Krankheit, Gesang, Gold, Mord und Raub verwendet, um die dunklen und gewalttätigen Aspekte des Lebens im Haus zu verdeutlichen. Das Gedicht endet mit einer Liste von negativen Aspekten wie Gespenstern, Abtreibungen, stinkendem Gedärm, Lärm und Tabakqualm, die die Atmosphäre der Verzweiflung und des Verfalls verstärken.

Schlüsselwörter

nacht stirbt vater haus berg kammern woher wuchsest

Wortwolke

Wortwolke zu Das Haus

Stilmittel

Bildsprache
Aus Nacht gekittet, in den Tag gemauert
Frage
Welche Wesen bevölkern dich? Welche Motten umschwirren die giftigen Lampen?
Kontrast
Vater-Unser. Gebet. Schleichen in der Nacht.
Metapher
Haus: Klumpen Mensch. Turm böser Winde. Hölle.
Personifikation
Knarrendes Knochen-Tier.
Vergleich
Fuchsbau, Schlangennest, Maulwurfhügel, Raubtierkäfig