Das Haus in der Heide

Annette von Droste-Hülshoff

1844

Wie lauscht, vom Abendschein umzuckt, die strohgedeckte Hütte, recht wie im Nest der Vogel duckt, aus dunkler Föhren Mitte.

Am Fensterloche streckt das Haupt die weißgestirnte Sterke, bläst in den Abendduft und schnaubt und stößt ans Holzgewerke.

Seitab ein Gärtchen, dornumhegt, mit reinlichem Gelände, wo matt ihr Haupt die Glocke trägt, aufrecht die Sonnenwende.

Und drinnen kniet ein stilles Kind, das scheint den Grund zu jäten, nun pflückt sie eine Lilie lind und wandelt längs den Beeten.

Am Horizonte Hirten, die im Heidekraut sich strecken und mit des Aves Melodie träumende Lüfte wecken.

Und von der Tenne ab und an schallt es wie Hammerschläge, der Hobel rauscht, es fällt der Span, und langsam knarrt die Säge.

Da hebt der Abendstern gemach sich aus den Föhrenzweigen, und grade ob der Hütte Dach scheint er sich mild zu neigen.

Es ist ein Bild, wie still und heiß es alte Meister hegten, kunstvolle Mönche, und mit Fleiß es auf den Goldgrund legten:

Der Zimmermann - die Hirten gleich mit ihrem frommen Liede, die Jungfrau mit dem Lilienzweig, und rings der Gottesfriede.

Des Sternes wunderlich Geleucht aus zarten Wolkenfloren - Ist etwa hier im Stall vielleicht Christkindlein heut geboren?

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Illustration zu Das Haus in der Heide

Interpretation

Das Gedicht "Das Haus in der Heide" von Annette von Droste-Hülshoff zeichnet ein idyllisches Bild einer strohgedeckten Hütte inmitten einer dunklen Föhrenumgebung. Die Szenerie wird durch detaillierte Beschreibungen von Natur und menschlicher Aktivität zum Leben erweckt, wobei eine ruhige und friedliche Atmosphäre herrscht. Die Hütte, die sich wie ein Vogel im Nest versteckt, wird von einem weißen Stern am Fenster begrüßt, der in den Abendduft bläst und gegen das Holzgewerk stößt. Das Gedicht vermittelt ein Gefühl von Stille und Heiligkeit, das durch die Anwesenheit eines stillen Kindes, das im Garten arbeitet, und Hirten, die im Heidekraut liegen und ein Ave-Maria-Lied singen, verstärkt wird. Die Geräusche der Handarbeit, wie Hammerschläge und das Rauschen des Hobels, fügen sich harmonisch in die Szene ein. Der Abendstern, der sich über der Hütte erhebt, verleiht dem Bild eine fast sakrale Qualität, als ob es von alten Meistern und kunstvollen Mönchen auf einen goldenen Grund gemalt worden wäre. Im letzten Vers stellt sich die Frage, ob vielleicht das Christkind heute in diesem Stall geboren wurde, was die Szene in einen religiösen Kontext stellt und die friedliche, fast andächtige Stimmung des Gedichts unterstreicht. Die Verbindung von Natur, menschlicher Arbeit und religiöser Andacht schafft ein harmonisches und tiefgründiges Bild, das den Betrachter in eine Welt der Ruhe und Besinnlichkeit entführt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung des 's'-Lautes in 'schallt es wie Hammerschläge'.
Anapher
Die Wiederholung des Wortes 'und' am Anfang mehrerer Zeilen.
Bildbeschreibung
Das Gedicht endet mit einer bildhaften Beschreibung, die an ein altes Meisterwerk erinnert.
Frage
Die rhetorische Frage am Ende des Gedichts über die Geburt des Christkindes.
Hyperbel
Die Beschreibung des Bildes als 'still und heiß' und von 'kunstvollen Mönchen' gehegt.
Metapher
Die strohgedeckte Hütte wird mit einem Vogel verglichen, der sich im Nest duckt.
Personifikation
Die Sterke streckt das Haupt und bläst in den Abendduft.
Symbolik
Die Lilie wird als Symbol für Reinheit und Unschuld verwendet.
Vergleich
Der Abendstern wird mit einem alten Meister verglichen, der ein Bild hegt.