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Das Haar

Von

O Vlies des Wellen auf die Schultern fluten!
O Locken, schwer von müdem Wohlgeruch,
Erinnerungen, die da träumend ruhten,
Verzückung fühl′ ich durch den Abend gluten,
Breit′ ich die Locken wie ein wehend Tuch.

Asiens Schmachten, Afrikas Erglühen,
Die Ferne fühl′ ich, längst verwehte Luft,
Duftenden Wald aus deinen Tiefen sprühen.
Mag Andrer Geist auf Tönen schwellend blühen,
Der meine, Liebe, schwimmt auf deinem Duft.

Dorthin, wo Baum und Mensch voll Saft und Leben
In Sonnenglut sich dehnt zu langer Rast,
Seid Flechten, Wellen mir und lasst mich schweben,
Meer, schwarz wie Ebenholz, du sollst mir weben
Den Traum von Segel, Flamme, Ruder, Mast.

Träumend will ich des Hafens Lärm durchschreiten,
Tief atmen will ich Duft und Ton und Licht,
Wo Wellen schwer wie Gold und Atlas gleiten,
Die mächtigen Schiffe ihre Arme breiten
Zur ewigen Glut, die brausend niederbricht.

Tief tauche ich mein Haupt von Liebe trunken,
Ins dunkle Meer, drin jenes andre ruht,
Mein Sinn, umschmeichelt und ins Spiel versunken,
Erkennt dich wieder, Trägheit, Lebensfunken,
Ewiges Wiegen lässig müder Flut.

Du bläulich Haar, Tempel voll Finsternissen,
Um mich gebreitet webst azurnen Raum,
Ich trink′ auf weicher Locken flaumgem Kissen
Berauscht den Duft den süssen, Ungewissen
Von Bisam, Teer und Öl vom Kokosbaum.

Lang, immer werd′ ich auf die schweren Strähnen
Rubinen streuen, Perlen, Saphirstein,
Dass nie du taub wirst meinem Wunsch und Sehnen,
Oase meiner Träume, meiner Tränen
Kelch, draus ich schlürfe der Erinnrung Wein.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Das Haar von Charles-Pierre Baudelaire

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Das Haar“ von Charles Baudelaire ist eine leidenschaftliche Ode an die Sinnlichkeit und die Schönheit des weiblichen Haares. Es ist eine poetische Reise, die den Leser durch eine Welt voller sinnlicher Eindrücke führt, in der das Haar zum Zentrum des Begehrens und der Kontemplation wird. Die Interpretation ist von einem tiefen Respekt für die Macht der Sinnlichkeit, des Duftes und der Erinnerung geprägt.

Das Gedicht beginnt mit einer direkten Ansprache an das Haar, das als „Vlies der Wellen“ beschrieben wird, was sofort eine Assoziation mit dem Meer und der Unendlichkeit weckt. Die Locken werden als Träger von Erinnerungen und als Quelle von Verzückung dargestellt. Der Dichter lässt sich von der Anziehungskraft des Haares hinreißen, das er mit dem Abendrot vergleicht, was die Wärme und das Glühen der Leidenschaft hervorhebt. Der zweite Abschnitt vertieft diese Verbindung, indem er das Haar mit ferner Exotik und Düften aus Asien und Afrika assoziiert. Das Haar wird zu einem Portal in eine Welt voller Sinnlichkeit und Erinnerungen, in der der Dichter seinen Geist auf dem Duft des Haares „schwimmen“ lässt.

Im weiteren Verlauf des Gedichts wird die Metapher des Meeres vertieft. Das Haar wird mit dem Meer verglichen, das den Dichter in einen Traumzustand versetzt, in dem er sich nach fernen Ländern und Abenteuern sehnt. Das Haar wird zur „Oase“ der Träume und Tränen, ein Ort der Zuflucht und der Erinnerung. Die letzte Strophe gipfelt in einem Bekenntnis, die Schönheit des Haares durch kostbare Steine zu ewigen und die Sehnsucht nach ihm nie aufzugeben. Die Verbindung von sinnlichen Erfahrungen, Erinnerungen und Sehnsüchten wird in dieser Ode auf meisterhafte Weise zum Ausdruck gebracht.

Baudelaire verwendet eine reiche und sinnliche Sprache, um die Leser in die Welt seiner Leidenschaft einzutauchen. Der Einsatz von Adjektiven, die Düfte und Farben beschreiben, erzeugt ein lebendiges Bild der sinnlichen Erfahrung. Durch diese sprachliche Intensität wird das Haar nicht nur als physische Erscheinung, sondern auch als Quelle von Emotionen und Erinnerungen erfahrbar. Die Metaphern und Vergleiche, wie die des Meeres, erweitern die Bedeutung des Haares und machen es zu einem Symbol für die Sehnsucht nach dem Unbekannten und die Suche nach dem Sinn des Lebens.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „Das Haar“ ein Gedicht ist, das die Kraft der Sinnlichkeit und die Bedeutung der Erinnerung feiert. Es ist eine poetische Reise durch die Welt der Leidenschaft, in der das Haar als Zentrum des Begehrens und als Tor zu einer Welt voller Träume und Sehnsüchte dient. Durch die Verwendung sinnlicher Sprache und tiefgründiger Metaphern schafft Baudelaire ein bleibendes Kunstwerk, das die Leser dazu einlädt, die Schönheit des Lebens und die Macht der Emotionen zu erforschen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.