Das Haar

Charles-Pierre Baudelaire

1821

O Vlies des Wellen auf die Schultern fluten! O Locken, schwer von müdem Wohlgeruch, Erinnerungen, die da träumend ruhten, Verzückung fühl′ ich durch den Abend gluten, Breit′ ich die Locken wie ein wehend Tuch.

Asiens Schmachten, Afrikas Erglühen, Die Ferne fühl′ ich, längst verwehte Luft, Duftenden Wald aus deinen Tiefen sprühen. Mag Andrer Geist auf Tönen schwellend blühen, Der meine, Liebe, schwimmt auf deinem Duft.

Dorthin, wo Baum und Mensch voll Saft und Leben In Sonnenglut sich dehnt zu langer Rast, Seid Flechten, Wellen mir und lasst mich schweben, Meer, schwarz wie Ebenholz, du sollst mir weben Den Traum von Segel, Flamme, Ruder, Mast.

Träumend will ich des Hafens Lärm durchschreiten, Tief atmen will ich Duft und Ton und Licht, Wo Wellen schwer wie Gold und Atlas gleiten, Die mächtigen Schiffe ihre Arme breiten Zur ewigen Glut, die brausend niederbricht.

Tief tauche ich mein Haupt von Liebe trunken, Ins dunkle Meer, drin jenes andre ruht, Mein Sinn, umschmeichelt und ins Spiel versunken, Erkennt dich wieder, Trägheit, Lebensfunken, Ewiges Wiegen lässig müder Flut.

Du bläulich Haar, Tempel voll Finsternissen, Um mich gebreitet webst azurnen Raum, Ich trink′ auf weicher Locken flaumgem Kissen Berauscht den Duft den süssen, Ungewissen Von Bisam, Teer und Öl vom Kokosbaum.

Lang, immer werd′ ich auf die schweren Strähnen Rubinen streuen, Perlen, Saphirstein, Dass nie du taub wirst meinem Wunsch und Sehnen, Oase meiner Träume, meiner Tränen Kelch, draus ich schlürfe der Erinnrung Wein.

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Illustration zu Das Haar

Interpretation

Das Gedicht "Das Haar" von Charles-Pierre Baudelaire ist eine sinnliche und poetische Hommage an das Haar einer geliebten Frau. Das Haar wird als Quelle der Erinnerung und der Verzückung dargestellt, die den Sprecher in ferne Länder und Zeiten versetzt. Das Gedicht ist voller Bilder und Metaphern, die die Schönheit und den Reiz des Haares beschreiben. In den ersten Strophen beschreibt der Sprecher das Haar als "Vlies der Wellen", das auf die Schultern der Frau fließt. Die Locken sind schwer von "müdem Wohlgeruch", was darauf hindeutet, dass das Haar einen starken und betörenden Duft hat. Der Sprecher fühlt sich von diesem Duft verzaubert und breitet die Locken wie einen wehenden Schleier aus. In den folgenden Strophen wird das Haar mit fernen Ländern wie Asien und Afrika in Verbindung gebracht. Der Sprecher fühlt sich in diese fernen Orte versetzt, wo er die "Ferne" und die "längst verwehte Luft" spüren kann. Der Duft des Haares wird mit dem Duft eines "duftenden Waldes" verglichen, der aus den Tiefen des Haares sprüht. In der letzten Strophe beschreibt der Sprecher, wie er sein Haupt in das "dunkle Meer" des Haares tauchen möchte, um sich von der Liebe und dem Duft berauschen zu lassen. Das Haar wird als "Tempel voller Finsternisse" beschrieben, der dem Sprecher einen azurnen Raum webt. Der Sprecher möchte auf den "weichen Locken" ein "flaumgemäßigtes Kissen" finden und den "süssen, ungewissen" Duft von Bisam, Teer und Kokosöl trinken. Das Gedicht endet mit dem Versprechen des Sprechers, "Rubinen, Perlen und Saphirsteine" auf die "schweren Strähnen" zu streuen, um sicherzustellen, dass das Haar nie taub wird für seinen Wunsch und sein Sehnen. Das Haar wird als "Oase" seiner Träume und Tränen beschrieben, aus der er den "Wein der Erinnerung" schlürfen kann.

Schlüsselwörter

wellen locken duft schwer träumend fühl liebe voll

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Trägheit, Lebensfunken
Bildsprache
Ich trink′ auf weicher Locken flaumgem Kissen Berauscht den Duft den süssen, Ungewissen
Hyperbel
Tief tauche ich mein Haupt von Liebe trunken
Metapher
O Vlies der Wellen auf die Schultern fluten!
Personifikation
Asiens Schmachten, Afrikas Erglühen
Symbolik
Du bläulich Haar, Tempel voll Finsternissen
Vergleich
Wellen schwer wie Gold und Atlas gleiten