Das grosse Kind
1816Da fliegt er hin, der stolze Knabe, Rasch trägt sein Rößlein ihn vom Ort; Dem ich mich ganz ergeben habe, Mein süßer Schatz, schon ist er fort! Die Stunde schlug, von meinem Herzen Riß er sich zögernd, riß sich los, Und lächelnd bald und bald mit Schmerzen Sprach er: “Ade, ′s ist Mannesloos!”
O Mannesloos, o Traum der Ehre, Von Männern allzuhoch geschätzt! Ich wollt′, daß er ein Kindlein wäre, Und mein Geliebter doch wie jetzt; Auf meinem Schoß wollt′ ich ihn wiegen Mit süßem Tändeln, warm und lind, In meinen Armen sollt′ er liegen, Mein großes, mein verliebtes Kind.
Ei ja, das wären süße Sorgen, Das wäre liebe Mutterlust! Wohl jeden Abend, jeden Morgen Hielt′ ich ihn fest an meiner Brust; Mit meinem Kuß wollt′ ich ihn tränken, Nach dem er sonst so durstig war, Und wollte ihm zum Spielwerk schenken Mein aufgelöstes schwarzes Haar.
Ich würd′ ein Märchen ihm erzählen Von dem verirrten Königssohn, Der, sich der Hirtin zu vermählen, Das Reich vergessen und den Thron; Mir in die Augen würd′ er sehen Mit hellen Blicken stolz und groß, Und würde lächelnd mich verstehen, Und risse dennoch sich nicht los!
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Interpretation
Das Gedicht "Das grosse Kind" von Robert Eduard Prutz handelt von einer Frau, die tief in ihren jungen Liebhaber verliebt ist. Die Ersteinstellung beschreibt, wie der Mann auf seinem Pferd davonreitet und sie allein zurücklässt. Sie fühlt sich verlassen und traurig, dass er nun "mannesstark" geworden ist und sich von ihr löst. In der zweiten Strophe wünscht sich die Frau, dass ihr Geliebter wieder ein Kind wäre, das sie auf ihrem Schoß wiegen und in ihren Armen halten könnte. Sie sehnt sich nach der Unschuld und Abhängigkeit eines Kindes, das sie vollständig umsorgen kann. Der Mann soll ihr "grosses, verliebtes Kind" sein, das sie liebevoll verwöhnt. In der dritten Strophe malt die Frau sich aus, wie schön es wäre, wenn sie die Mutter ihres Liebhabers wäre. Sie könnte ihn jeden Tag an ihre Brust drücken, mit Küssen verwöhnen und ihm als Spielzeug ihr gelöstes schwarzes Haar schenken. Sie würde ihm ein Märchen von einem Königssohn erzählen, der sein Reich verlässt, um eine Hirtin zu heiraten. Der Mann würde ihr in die Augen sehen und sie verstehen, aber sich trotzdem nicht von ihr lösen. Die Frau sehnt sich nach einer Beziehung, in der sie die dominante, beschützende Rolle einnimmt und der Mann ihr vollkommen unterworfen ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allegorie
- Von dem verirrten Königssohn, Der, sich der Hirtin zu vermählen, Das Reich vergessen und den Thron
- Anapher
- Und lächelnd bald und bald mit Schmerzen
- Bildsprache
- Auf meinem Schoß wollt′ ich ihn wiegen Mit süßem Tändeln, warm und lind
- Hyperbel
- Wohl jeden Abend, jeden Morgen Hielt′ ich ihn fest an meiner Brust
- Ironie
- Und würde lächelnd mich verstehen, Und risse dennoch sich nicht los!
- Kontrast
- O Mannesloos, o Traum der Ehre, Von Männern allzuhoch geschätzt!
- Metapher
- Mein süßer Schatz
- Personifikation
- Das Rößlein fliegt und trägt den Knaben vom Ort
- Symbolik
- Mein aufgelöstes schwarzes Haar
- Wunschdenken
- Ich wollt′, daß er ein Kindlein wäre