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Das graue Lied

Von

Warum wird mir so dumpf und düster doch,
So matt und trüb um die beengte Seele,
Wenn ich an einem grauen Nachmittag
An meinen Büchern mich vergeblich quäle, –

Wenn wie ein aschenfarbiges Gewand
Der Himmel hängt ob den verschlafnen Auen
Und weit und breit von dem geliebten Blau
Nicht eine Spur das Auge kann erschauen?

Ein Geiglein tönt aus einem fernen Haus,
Man hört es kaum, gefühlvoll thät‘ es gerne,
Gezognem Weinen eines Kindes gleich
Mit dünnem Klang langweilig in die Ferne.

Kein Lüftchen geht, kein Grün bedeckt die Flur,
Der Lenz ist da, doch will’s ihm nicht gelingen,
Die alten Streifen winterlichen Schnee’s
In Wald und Graben endlich zu bezwingen.

So öd und still! Das schwarze Vöglein nur,
Das frierend sitzt auf jenes Daches Fahnen,
Zieht langgedehnten traur’gen Laut hervor,
Als wollt‘ es an ein nahes Unglück mahnen.

Ich weiß es wohl, solch grauer Nachmittag
Ist all mein Wesen, all mein Thun und Treiben.
Nicht Wehmuth ist’s, nicht Schmerz und auch nicht Lust,
Das Wort spricht’s nicht, die Feder kann’s nicht schreiben.

Mir ist, als war‘ ich selber Grau in Grau,
Zu viel der Farbe scheint mir selbst das Klagen,
Ob Leben Nichts, ob Leben Etwas ist,
Wie sehr ich sinne, weiß ich nicht zu sagen.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Das graue Lied von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Das graue Lied“ von Friedrich Theodor Vischer beschreibt in eindringlichen Bildern eine tiefe, schwer fassbare Verstimmung. Die Stimmung des Gedichts ist durchgehend gedrückt und melancholisch, wobei Vischer nicht von konkretem Leid, sondern von einer allgemeinen, grauen Atmosphäre spricht, die sich über die Seele des Sprechers legt. Der Titel selbst, „Das graue Lied“, deutet bereits auf die vorherrschende Monotonie und die fehlende Farbe hin, die das Gedicht durchziehen.

Die ersten vier Strophen beschreiben die äußere Welt und nutzen diese, um die innere Verfassung des Sprechers zu spiegeln. Der „graue Nachmittag“ wird als Ursache des dumpfen Gefühls genannt, und die Natur wird in einem Zustand der Tristesse dargestellt: Der Himmel hängt wie ein „aschenfarbiges Gewand“, das „geliebte Blau“ fehlt gänzlich, und der Frühling scheint zu scheitern, die letzten Reste des Winters zu vertreiben. Das „Geiglein“ und das „schwarze Vöglein“ unterstreichen die Trostlosigkeit, indem sie entweder ein kaum hörbares, wehmütiges Lied oder einen traurigen Laut von sich geben, der an ein „nahes Unglück“ mahnt.

In den letzten beiden Strophen wendet sich der Sprecher von der Beschreibung der äußeren Welt ab und reflektiert über sein eigenes Befinden. Er erkennt, dass dieser graue Zustand sein „Wesen“ ist, also ein permanenter Zustand, der sein Leben bestimmt. Dabei grenzt er sich deutlich von klassischen Gefühlen wie Wehmut, Schmerz oder Lust ab. Das „Wort spricht’s nicht, die Feder kann’s nicht schreiben“, was die Unmöglichkeit ausdrückt, dieses Gefühl in Worte zu fassen. Das Gedicht endet mit einer tiefen Selbstbefragung, in der die Sinnfrage des Lebens gestellt wird, ohne eine Antwort zu finden.

Vischer gelingt es, durch die Verwendung von Symbolen wie der Farbe Grau, der trüben Natur und den wehmütigen Klängen, eine allgemeine, schwer greifbare Leere zu vermitteln. Das Gedicht ist weniger eine Beschreibung von Trauer oder Schmerz, sondern vielmehr die Darstellung eines tiefen, unbestimmten Unbehagens, das sich in der Seele des Sprechers festgesetzt hat. Die fehlende Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens verstärkt diesen Zustand der Leere und gibt dem Gedicht eine beklemmende Tiefe.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.