Das graue Lied

Friedrich Theodor Vischer

1888

Warum wird mir so dumpf und düster doch, So matt und trüb um die beengte Seele, Wenn ich an einem grauen Nachmittag An meinen Büchern mich vergeblich quäle, –

Wenn wie ein aschenfarbiges Gewand Der Himmel hängt ob den verschlafnen Auen Und weit und breit von dem geliebten Blau Nicht eine Spur das Auge kann erschauen?

Ein Geiglein tönt aus einem fernen Haus, Man hört es kaum, gefühlvoll thät’ es gerne, Gezognem Weinen eines Kindes gleich Mit dünnem Klang langweilig in die Ferne.

Kein Lüftchen geht, kein Grün bedeckt die Flur, Der Lenz ist da, doch will’s ihm nicht gelingen, Die alten Streifen winterlichen Schnee’s In Wald und Graben endlich zu bezwingen.

So öd und still! Das schwarze Vöglein nur, Das frierend sitzt auf jenes Daches Fahnen, Zieht langgedehnten traur’gen Laut hervor, Als wollt’ es an ein nahes Unglück mahnen.

Ich weiß es wohl, solch grauer Nachmittag Ist all mein Wesen, all mein Thun und Treiben. Nicht Wehmuth ist’s, nicht Schmerz und auch nicht Lust, Das Wort spricht’s nicht, die Feder kann’s nicht schreiben.

Mir ist, als war’ ich selber Grau in Grau, Zu viel der Farbe scheint mir selbst das Klagen, Ob Leben Nichts, ob Leben Etwas ist, Wie sehr ich sinne, weiß ich nicht zu sagen.

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Illustration zu Das graue Lied

Interpretation

Das Gedicht "Das graue Lied" von Friedrich Theodor Vischer schildert die melancholische Stimmung eines grauen Nachmittags, die den Sprecher tief in seiner Seele berührt. Die dumpfe und düstere Atmosphäre spiegelt sich in der Tristesse der Natur wider, die trotz des Frühlingsbeginns noch immer von den Resten des Winters geprägt ist. Die Farblosigkeit und Leere der Umgebung verstärken das Gefühl der Hoffnungslosigkeit und inneren Leere, das der Sprecher empfindet. Die musikalischen Elemente im Gedicht, wie das kaum hörbare Geiglein und das gezogene Weinen eines Kindes, tragen zur allgemeinen Schwermut bei und verstärken das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit. Der Sprecher fühlt sich von dieser grauen Welt umgeben, die sein ganzes Wesen und Tun durchdringt. Es ist weder Trauer, Schmerz noch Freude, die ihn beherrschen, sondern ein undefinierbares Gefühl, das sich weder in Worten noch in Schrift ausdrücken lässt. Die abschließende Strophe verdeutlicht die tiefe Verzweiflung des Sprechers, der sich selbst als "Grau in Grau" empfindet. Die Frage nach dem Sinn des Lebens, ob es "Nichts" oder "Etwas" ist, bleibt unbeantwortet und unterstreicht die existenzielle Krise, die der Sprecher durchlebt. Das Gedicht vermittelt somit ein tiefes Gefühl der Resignation und der Unfähigkeit, in einer scheinbar farblosen und leeren Welt einen Sinn zu finden.

Schlüsselwörter

nachmittag kann kein weiß all grau leben warum

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
So öd und still! Das schwarze Vöglein nur
Hyperbel
Zu viel der Farbe scheint mir selbst das Klagen
Metapher
Ich selber Grau in Grau
Personifikation
Der Lenz ist da, doch will's ihm nicht gelingen
Rhetorische Frage
Warum wird mir so dumpf und düster doch
Vergleich
Gezognem Weinen eines Kindes gleich