Das Grab der Liebe

Friederike Sophie Christiane Brun

1788

Ballade

Es steht ein Fels von der Wog′ umrauscht, In Provincia′s purpurnen Fluthen, Da hab′ ich einst Seel′ um Seele getauscht In liebezerschmelzenden Gluthen! Es schwebten im ewigen Reihentanz Die Sternlein auf mondlicher Wogen Glanz, O heilige Stunde der Liebe!

Die Nachtigall sang im Myrtenhain Aus den abendrothglühenden Schatten; Es rief daß girrende Täubelein Zur Liebe, zur Liebe den Gatten! Und fernher ertönte von Thal und Höh′n Ein flötendes schmachtendes Sehnsuchtsgetön Aus liebedurchathmeten Schatten!

Ein Kirchlein steht auf des Felsens Haupt, Der so prachtvoll die Fluthen umschauet; Die Stirn vom flüsternden Ölbaum umlaubt, Den Fuß von Wogen umgrauet! O Trauter komm, steig′ auf des Felsens Höh′! Dort schau′n wir in die unendliche See, Unendlich gleich unserer Liebe!

Sie leitet ihn schnell den Fels hinan, (O wie klopfet′s im liebenden Herzen!) Er folgt auf der dornenumrankten Bahn, Den Busen voll seliger Schmerzen! Es blickte der Mond aus dem Wolkenkranz Durchstrahlte der Bebenden Seelen ganz Mit flammenden Pfeilen der Liebe.

Geschmiegt an′s Herz das klopfende Herz, Und die Wang′ an die Wange gelehnet, Zerflossen beid′ im unendlichen Schmerz, Die schmachtenden Augen bethränet! »In der Tiefe wohnt die selige Ruh′!« So sang′s, so tönt′ es den Liebenden zu Aus den silberglänzenden Wogen!

O Mutter der Lieb′, in deinen Arm Nimm huldreich die liebenden Seelen! So schwindet der bittere finst′re Harm, Worin sie sich ängstlich zerquälen. Sie sinken vereint vor dem Felsaltar, Ein reines geweihetes Opferpaar, Empfange sie Mutter der Gnaden!

»Und nun zurück in die öde Welt, In die trübenden Fluthen des Lebens, An starre Klippen das Herz zerschellt, Und Lieb′ und Treue vergebens! O wogende Fluth und o sternige Höh′, O tiefer Schooß der unendlichen See, Ihr endet die Qualen der Liebe!«

Und zögernd wanken sie Arm in Arm Zu des Felsens tiefstürzendem Hange: »Maria, der Liebenden dich erbarm′, Sie liebten und litten zu lange!« Und fest sich umschlingend und heiß umarmt, Und Herz an klopfendem Herzen erwarmt, So verschlangen sie schäumende Wogen!

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Illustration zu Das Grab der Liebe

Interpretation

Das Gedicht "Das Grab der Liebe" von Friederike Sophie Christiane Brun handelt von einer tragischen Liebesgeschichte, die an einem Felsen in der Nähe des Meeres spielt. Die Ballade schildert die tiefe Verbundenheit zweier Liebenden, die sich in einer heiligen Stunde der Liebe ihre Seelen getauscht haben. Die Atmosphäre ist von Sehnsucht, Schmerz und unendlicher Liebe geprägt, die sich in der Natur um sie herum widerspiegelt. Die Liebenden steigen den Felsen hinauf, um in die unendliche See zu blicken, die ihrer Liebe gleichkommt. In einem Moment der innigen Umarmung und des Schmerzes singt eine Stimme aus den silberglänzenden Wogen von der seligen Ruhe in der Tiefe. Die Liebenden fühlen sich von der "Mutter der Lieb'" in den Arm genommen und finden Trost in ihrem Schmerz. Sie opfern sich am Felsaltar als ein reines, geweihtes Paar dar und bitten um Gnade. Am Ende des Gedichts kehren die Liebenden in die "öde Welt" zurück, in der ihr Herz an starre Klippen zerschellt und Liebe und Treue vergebens sind. In ihrer Verzweiflung und Qual wanken sie Arm in Arm zum tiefstürzenden Hang des Felsens. In einem letzten Akt der Liebe und des Leidens umarmen sie sich fest und stürzen sich gemeinsam in die schäumenden Wogen des Meeres, um ihre Qualen zu beenden und in der Tiefe ewige Ruhe zu finden.

Schlüsselwörter

liebe wogen liebenden herz fluthen höh felsens arm

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Stilmittel

Alliteration
purpurnen Fluthen
Anspielung
Maria
Bildsprache
Die schmachtenden Augen bethränet
Hyperbel
Unendlich gleich unserer Liebe
Kontrast
Maria, der Liebenden dich erbarm'
Metapher
Es steht ein Fels von der Wog' umrauscht
Metonymie
O Mutter der Lieb'
Personifikation
Die Sternlein auf mondlicher Wogen Glanz
Symbolik
Mond aus dem Wolkenkranz
Wiederholung
Zur Liebe, zur Liebe den Gatten