Das Goldtuch
1892“Ihr Mägde; schaut, was ihr im Schreine habt! Nicht darfst du mir von hinnen unbegabt, Mein blondgelockter Enkel, der mir bot Mit priesterlichen Händen Gott im Brot!”
Mathilde sprachs, die Fürstin, sterbeschwach. Richburg, die Schaffnerin, seufzt′: “Weh und Ach! Hin gabst den Armen alles du! Allein Dein goldgewoben Bahrtuch liegt im Schrein!”
“Die goldne Decke! Gebt dem Bischof die! Bahrtuch und Totenhemd, das mangelt nie!” Der Bischof zaudert … “Nimm die Decke! Kränk Mich nicht!” Der Jüngling zieht mit dem Geschenk …
Sie atmet aus. Es läutet lang und schön Mit allen Glocken von des Münsters Höhn … Fern in der Ebne gleissts wie Sonnenblick: Mathildens Bahrtuch kehrt zu ihr zurück.
Abspringt ein Reiter, der den Turm ersteigt. “Den Bischof warf das Ross. Ein Toter schweigt. Wir bringen ihn! Verdoppelt das Geläut! Ihr Glöckner, zwier bekommt ihr Löhnung heut!”
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Das Goldtuch" von Conrad Ferdinand Meyer handelt von der sterbenden Fürstin Mathilde, die ihre Mägde auffordert, ihr das Goldtuch aus dem Schrein zu geben. Sie möchte es dem Bischof als Geschenk überreichen lassen, bevor sie stirbt. Mathilde zeigt damit ihre Großzügigkeit und ihren Glauben, auch in ihren letzten Momenten. Richburg, die Schaffnerin, bedauert, dass Mathilde all ihre Besitztümer den Armen gegeben hat, außer dem wertvollen Goldtuch. Trotzdem besteht Mathilde darauf, dass der Bischof das Tuch erhält, und der junge Enkel zieht mit dem Geschenk davon. Dies unterstreicht Mathildes selbstlose Natur und ihren Wunsch, auch nach ihrem Tod noch Gutes zu tun. Nach Mathildes Tod läuten die Glocken des Münsters, und das Goldtuch kehrt zu ihr zurück. Ein Reiter berichtet, dass der Bischof vom Pferd geworfen wurde und gestorben ist. Das Gedicht endet mit der Aufforderung, das Geläut zu verdoppeln und die Glockenläuter doppelt zu bezahlen. Dies deutet darauf hin, dass Mathildes selbstlose Tat letztendlich belohnt wurde und ihre Seele Frieden gefunden hat.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Weh und Ach
- Bildsprache
- Mit priesterlichen Händen Gott im Brot
- Hyperbel
- Mit allen Glocken von des Münsters Höhn
- Ironie
- Bahrtuch und Totenhemd, das mangelt nie!
- Kontrast
- Fern in der Ebne gleissts wie Sonnenblick
- Metapher
- Nicht darfst du mir von hinnen unbegabt
- Personifikation
- Die goldne Decke! Gebt dem Bischof die!
- Symbolik
- Mathildens Bahrtuch kehrt zu ihr zurück
- Vorahnung
- Der Bischof zaudert