Das Glück

Friedrich von Schiller

1798

Selig, welchen die Götter, die gnädigen, vor der Geburt schon Liebten, welchen als Kind Venus im Arme gewiegt, Welchem Phöbus die Augen, die Lippen Hermes gelöset Und das Siegel der Macht Zeus auf die Stirne gedrückt! Ein erhabenes Loos, ein göttliches, ist ihm gefallen, Schon vor des Kampfes Beginn sind ihm die Schläfe bekränzt. Ihm ist, eh′ er es lebte, das volle Leben gerechnet, Eh′ er die Mühe bestand, hat er die Charis erlangt. Groß zwar nenn′ ich den Mann, der, sein eigner Bildner und Schöpfer, Durch der Tugend Gewalt selber die Parze bezwingt; Aber nicht erzwingt er das Glück, und was ihm die Charis Neidisch geweigert, erringt nimmer der strebende Muth. Vor Unwürdigem kann dich der Wille, der ernste, bewahren, Alles Höchste, es kommt frei von den Göttern herab. Weil die Geliebte dich liebt, so kommen die himmlischen Gaben; Oben in Jupiters Reich herrscht, wie in Amors, die Gunst. Neigungen haben die Götter, sie lieben der grünenden Jugend Lockigte Scheitel, es zieht Freude die Fröhlichen an. Nicht der Sehende wird von ihrer Entscheidung beseligt, Ihrer Herrlichkeit Glanz hat nur der Blinde geschaut. Gern erwählen sie sich der Einfalt kindliche Seele, In das bescheidne Gefäß schließen sie Göttliches ein. Unverhofft sind sie da und täuschen die stolze Erwartung, Keines Bannes Gewalt zwingen die Freien herab. Wem er geneigt, dem sendet der Vater der Menschen und Götter Seinen Adler herab, trägt ihn zu himmlischen Höhn. Unter die Menge greift er mit Eigenwillen, und welches Haupt ihm gefället, um das flicht er mit liebender Hand Jetzt den Lorbeer und jetzt die herrschaftgebende Binde, Krönt doch selber den Gott nur das gewogene Glück. Vor dem Glücklichen her tritt Phöbus, der pythische Sieger, Und der die Herzen bezwingt, Amor, der lächelnde Gott. Vor ihm ebnet Poseidon das Meer, sanft gleitet des Schiffes Kiel, das den Cäsar führt und sein allmächtiges Glück. Ihm zu Füßen legt sich der Leu, das brausende Delphin Steigt aus den Tiefen, und fromm beut es den Rücken ihm an. Zürne dem Glücklichen nicht, daß den leichten Sieg ihm die Götter Schenken, daß aus der Schlacht Venus den Liebling entrückt. Ihn, den die Lächelnde rettet, den Göttergeliebten beneid′ ich, Jenen nicht, dem sie mit Nacht deckt den verdunkelten Blick. War er weniger herrlich, Achilles, weil ihm Hephästos Selbst geschmiedet den Schild und das verderbliche Schwert, Weil um den sterblichen Mann der große Olymp sich beweget? Das verherrlichet ihn, daß ihn die Götter geliebt, Daß sie sein Zürnen geehrt und, Ruhm dem Liebling zu geben, Hellas′ bestes Geschlecht stürzten zum Orkus hinab. Zürne der Schönheit nicht, daß sie schön ist, daß sie verdienstlos, Wie der Lilie Kelch, prangt durch der Venus Geschenk! Laß sie die Glückliche sein; du schaust sie, du bist der Beglückte! Wie sie ohne Verdienst glänzt, so entzücket sie dich. Freue dich, daß die Gabe des Lieds vom Himmel herabkommt, Daß der Sänger dir singt, was ihn die Muse gelehrt! Weil der Gott ihn beseelt, so wird er dem Hörer zum Gotte; Weil er der Glückliche ist, kannst du der Selige sein. Auf dem geschäftigen Markt, da führe Themis die Wage, Und es messe der Lohn streng an der Mühe sich ab; Aber die Freude ruft nur ein Gott auf sterbliche Wangen, Wo kein Wunder geschieht, ist kein Beglückter zu sehn. Alles Menschliche muß erst werden und wachsen und reifen, Und von Gestalt zu Gestalt führt es die bildende Zeit; Aber das Glückliche siehst du nicht, das Schöne nicht werden, Fertig von Ewigkeit her steht es vollendet vor dir. Jede irdische Venus ersteht, wie die erste des Himmels, Eine dunkle Geburt, aus dem unendlichen Meer; Wie die erste Minerva, so tritt, mit der Ägis gerüstet, Aus des Donnerers Haupt jeder Gedanke des Lichts.

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Illustration zu Das Glück

Interpretation

Das Gedicht "Das Glück" von Friedrich von Schiller ist eine philosophische Betrachtung über das Wesen und die Natur des Glücks. Schiller stellt das Glück als etwas Göttliches dar, das den Auserwählten von den Göttern zuteilwird, noch bevor sie geboren sind. Er beschreibt das Glück als ein Geschenk, das nicht erarbeitet oder erzwungen werden kann, sondern frei von den Göttern kommt. Der Dichter betont, dass das Glück nicht an Verdienst oder Leistung geknüpft ist, sondern an die Gunst der Götter, die sich nach eigenem Willen ihre Favoriten aussuchen. Schiller kontrastiert das Glück mit dem menschlichen Streben und der Mühe. Er stellt fest, dass selbst der tugendhafteste Mensch das Glück nicht erzwingen kann, wenn es ihm von den Göttern nicht zuteilwird. Der Dichter betont, dass das Glück oft unerwartet kommt und die stolze Erwartung täuscht. Er beschreibt das Glück als etwas Vollendetes, das aus der Ewigkeit kommt und nicht wie menschliche Errungenschaften wächst oder reift. Im letzten Teil des Gedichts wendet sich Schiller dem Thema der Schönheit und der Kunst zu. Er fordert den Leser auf, sich an der Schönheit zu erfreuen, ohne sie zu beneiden, da sie ein Geschenk der Götter ist. Der Dichter betont die göttliche Natur der Kunst und des Gesangs, die den Künstler und den Zuhörer erheben kann. Schiller schließt mit dem Gedanken, dass das Glück und die Schönheit nicht im menschlichen Bereich des Werdens und Wachsens zu finden sind, sondern als vollendete Gaben der Götter existieren.

Schlüsselwörter

götter venus gott glück herab glückliche welchen geburt

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Daß ihn die Götter geliebt,
Anapher
Welchen die Götter, die gnädigen, vor der Geburt schon Liebten, welchen als Kind Venus im Arme gewiegt, Welchem Phöbus die Augen, die Lippen Hermes gelöset Und das Siegel der Macht Zeus auf die Stirne gedrückt!
Enjambement
Auf dem geschäftigen Markt, da führe Themis die Wage, Und es messe der Lohn streng an der Mühe sich ab;
Hyperbel
Und es messe der Lohn streng an der Mühe sich ab;
Kontrast
Nicht der Sehende wird von ihrer Entscheidung beseligt, Ihrer Herrlichkeit Glanz hat nur der Blinde geschaut.
Metapher
Aus des Donnerers Haupt jeder Gedanke des Lichts.
Parallelismus
Vor dem Glücklichen her tritt Phöbus, der pythische Sieger, Und der die Herzen bezwingt, Amor, der lächelnde Gott.
Personifikation
Aber das Glückliche siehst du nicht, das Schöne nicht werden,
Symbolik
Mit Eigenwillen, und welches Haupt ihm gefället, um das flicht er mit liebender Hand Jetzt den Lorbeer und jetzt die herrschaftgebende Binde,
Vergleich
Wie die erste Minerva, so tritt, mit der Ägis gerüstet,