Das Glück und Melinde
Aus einem Sonett des Girolamo Gigli.
Ich sahe jüngst das Glück, und durft′ ihm kühnlich sagen:
Bereue deinen falschen Tand;
Dein flatterhafter Unbestand
Berechtigt alle Welt zu klagen.
Was du am Morgen kaum verliehn,
Darfst du am Abend schon entziehn.
Das Glück versetzte mir: Wie kurz ist aller Leben!
Unendlich ist der Güter Wahl,
Unendlich meiner Sklaven Zahl:
Sollt′ ich nicht jedem etwas geben?
Dient, was ich einem nehmen muß,
Nicht gleich dem andern zum Genuß?
Ich wandte mich darauf zur scherzenden Melinde,
Und sprach: Dem Glück steh′ alles frei!
Wenn ich nur dich, mein Kind, getreu
Und mir so hold als schön befinde,
Und wenn dein Mund, der mich ergötzt,
Nur mich der Küsse würdig schätzt.
So wohl belehrt ich sie; doch gab sie ihrem Lehrer
Mit Lächeln den Bescheid zurück:
Ich bin ja reizend, wie das Glück,
Ich habe, wie das Glück, Verehrer;
Und warum sollt′ ich denn allein
Dem Glück im Wechsel ungleich sein?
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Das Glück und Melinde“ von Friedrich von Hagedorn ist eine anmutige Auseinandersetzung mit dem Wesen des Glücks und der Liebe, verfasst in Form eines Sonetts, das auf einem Werk von Girolamo Gigli basiert. Es enthüllt die Flüchtigkeit des Glücks und stellt ihm die Beständigkeit und die eigene, spielerische Unberechenbarkeit der Liebe gegenüber. Der Dichter wendet sich zunächst an das personifizierte Glück und tadelt es für seine Unbeständigkeit und das rasche Entziehen von Gunst, was die Welt zum Klagen berechtigt. Das Glück verteidigt sich, indem es auf die Kürze des Lebens und die Vielfalt der Güter verweist, die es zu verteilen hat, und argumentiert, dass es jedem etwas geben muss.
Der zweite Teil des Gedichts führt die Figur der Melinde ein, an die sich der Dichter wendet. Er erklärt, dass er sich nach ihrer Treue und Schönheit sehnt und sich an ihren Küssen erfreut. Melinde, das verkörperte Ideal der geliebten Frau, antwortet mit einem Lächeln und weist auf die Parallele zum Glück hin: Sie ist ebenso reizend und hat wie das Glück Verehrer, und fragt, warum sie nicht ebenfalls dem Wechsel unterworfen sein sollte. Diese Antwort ist überraschend und verkehrt die Erwartung, da sie die Beständigkeit, die der Dichter erhofft, verneint und die Unbeständigkeit des Glücks in ihr eigenes Wesen einbezieht.
Die Struktur des Sonetts, mit seinen drei Quartetten und einem abschließenden Terzett, unterstützt die inhaltliche Entwicklung. Die ersten acht Zeilen widmen sich der Auseinandersetzung mit dem Glück, die nächsten vier der Wendung zur Liebe und Melinde, und die abschließenden beiden Quartette präsentieren Melindes überraschende Antwort. Die Sprache ist klar und elegant, der Ton heiter und leicht ironisch. Hagedorn verwendet rhetorische Fragen und Gegenüberstellungen, um die Gegensätze zwischen Glück und Liebe herauszuarbeiten. Das Gedicht ist also ein Spiel mit Erwartungen, eine spielerische Reflexion über die Natur der menschlichen Gefühle und die Vergänglichkeit des irdischen Glücks.
Die Quintessenz des Gedichts liegt in Melindes Antwort, die das traditionelle Ideal der beständigen Liebe in Frage stellt. Sie vergleicht sich mit dem Glück und akzeptiert dessen Unbeständigkeit, wodurch sie die Grenzen der Erwartungen des Dichters aufzeigt. Diese Ironie und die Erkenntnis, dass auch die Liebe ihren eigenen, unberechenbaren Regeln folgt, machen das Gedicht so reizvoll. Es ist eine spielerische Betrachtung über die Widersprüchlichkeiten des Lebens und der menschlichen Beziehungen, verpackt in elegante Worte und unterstützt durch die Struktur eines Sonetts.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „Das Glück und Melinde“ ein leichtfüßiges, aber tiefgründiges Gedicht ist, das die Themen Glück, Liebe und ihre jeweilige Natur auf humorvolle Weise behandelt. Hagedorn gelingt es, die traditionellen Erwartungen an die Liebe durch Melindes Antwort auf den Kopf zu stellen und eine subtile Kritik an der Illusion der ewigen Treue zu üben, ohne dabei den Charme und die Eleganz des Sonetts zu verlieren. Das Gedicht bietet somit eine schöne und amüsante Reflexion über die Komplexität menschlicher Emotionen und Beziehungen.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.