Das Glück und Melinde

Friedrich von Hagedorn

1729

Aus einem Sonett des Girolamo Gigli.

Ich sahe jüngst das Glück, und durft′ ihm kühnlich sagen: Bereue deinen falschen Tand; Dein flatterhafter Unbestand Berechtigt alle Welt zu klagen. Was du am Morgen kaum verliehn, Darfst du am Abend schon entziehn.

Das Glück versetzte mir: Wie kurz ist aller Leben! Unendlich ist der Güter Wahl, Unendlich meiner Sklaven Zahl: Sollt′ ich nicht jedem etwas geben? Dient, was ich einem nehmen muß, Nicht gleich dem andern zum Genuß?

Ich wandte mich darauf zur scherzenden Melinde, Und sprach: Dem Glück steh′ alles frei! Wenn ich nur dich, mein Kind, getreu Und mir so hold als schön befinde, Und wenn dein Mund, der mich ergötzt, Nur mich der Küsse würdig schätzt.

So wohl belehrt ich sie; doch gab sie ihrem Lehrer Mit Lächeln den Bescheid zurück: Ich bin ja reizend, wie das Glück, Ich habe, wie das Glück, Verehrer; Und warum sollt′ ich denn allein Dem Glück im Wechsel ungleich sein?

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Illustration zu Das Glück und Melinde

Interpretation

Das Gedicht "Das Glück und Melinde" von Friedrich von Hagedorn handelt von einem Gespräch zwischen dem Sprecher und dem Glück sowie zwischen dem Sprecher und Melinde. Der Sprecher konfrontiert das Glück mit seiner Unbeständigkeit und Unzuverlässigkeit, die die Menschen zum Klagen bringt. Das Glück verteidigt sich damit, dass das Leben kurz und die Güter unendlich sind, und dass es jedem etwas geben muss. Der Sprecher wendet sich dann an Melinde und sagt, dass das Glück frei sein soll, solange Melinde ihm treu und schön bleibt und ihn küsst. Melinde antwortet, dass sie auch wie das Glück reizend und begehrt ist und keinen Grund sieht, warum sie dem Glück im Wechsel ungleich sein sollte. Das Gedicht "Das Glück und Melinde" von Friedrich von Hagedorn ist eine humorvolle und ironische Auseinandersetzung mit dem Thema Glück und Liebe. Der Sprecher versucht, das Glück und Melinde zu belehren und zu kritisieren, aber beide weisen seine Vorwürfe zurück und rechtfertigen sich selbst. Das Gedicht zeigt, dass das Glück und die Liebe nicht berechenbar und kontrollierbar sind, sondern von vielen Faktoren abhängen und sich ständig ändern können. Das Gedicht fordert den Leser auf, sich mit dem Glück und der Liebe zu arrangieren und sie nicht zu ernst zu nehmen. Das Gedicht "Das Glück und Melinde" von Friedrich von Hagedorn ist ein Sonett, das aus zwei Quartetten und zwei Terzetten besteht. Das Gedicht hat einen regelmäßigen Reimschema und einen gleichmäßigen Rhythmus. Das Gedicht verwendet verschiedene Stilmittel wie Personifikation, Anrede, rhetorische Fragen und Metaphern, um die Aussage zu verstärken und zu veranschaulichen. Das Gedicht hat eine klare Struktur und eine logische Argumentation, die zu einer überraschenden und witzigen Pointe führt.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Das Glück und Melinde

Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung von Konsonantenklängen, wie in 'flatterhafter Unbestand' und 'reizend, wie das Glück'.
Hyperbel
Die Beschreibung des Glücks als 'unendlich' in Bezug auf Güter und Sklaven.
Ironie
Die Ironie in der Schlusszeile, wo Melinde das Verhalten des Glücks nachahmt und rechtfertigt.
Kontrast
Der Kontrast zwischen dem Verhalten des Glücks und Melindes wird hervorgehoben.
Metapher
Das Glück wird als Person dargestellt, die sprechen und handeln kann.
Parallelismus
Die Struktur der Verse in den ersten beiden Strophen ist parallel aufgebaut, was den Rhythmus und die Betonung verstärkt.
Personifikation
Das Glück und Melinde werden als Personen dargestellt, die miteinander sprechen und handeln.
Rhetorische Frage
Das Glück fragt: 'Sollte ich nicht jedem etwas geben?' und 'Dient, was ich einem nehmen muß, nicht gleich dem andern zum Genuß?'