Das Gift

Charles-Pierre Baudelaire

1821

Der Wein verwandelt oft die schmutzigsten Spelunken In Schlösser voller Märchenpracht, Und Säulenhallen er vor uns erstehen macht Aus rotem Dunst und goldnen Funken, Wie eine Sonne, die versinkt in Nebelnacht.

Das Opium weitet aus, was ohne Grenz′ und Schranken, Es dehnt die Unermesslichkeit, Es höhlt der Wollust Rausch, vertieft das Meer der Zeit, Und mit Genüssen, schwarzen, kranken Macht es die Seele übervoll und weit.

Nichts aber gleicht dem Gift aus deinen grünen Augen, Den tiefen Seen, drin gramerfüllt, Verzerrt und zitternd malt sich meiner Seele Bild, Aus denen durstige Träume saugen Die tiefe Bitternis, die Qualen weckt und stillt.

Nichts aber gleicht dem Gift, dem Gift von deinem Munde, Das in mir wühlt und mich verzehrt, Die Reue tötet und schamlos Vergessen lehrt, Den Wahnsinn träufelt in die Wunde Und mit dem irren Geist taumelnd zur Hölle fährt.

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Illustration zu Das Gift

Interpretation

Das Gedicht "Das Gift" von Charles-Pierre Baudelaire handelt von der zerstörerischen und betäubenden Wirkung verschiedener Substanzen und Emotionen. Der Dichter vergleicht die transformierende Kraft des Weins, der Opium und des Blicks sowie des Mundes der geliebten Frau mit Giften, die die Wahrnehmung verzerren und die Seele beeinflussen. In den ersten beiden Strophen beschreibt Baudelaire, wie Wein und Opium die Realität verändern und die Sinne berauschen. Wein verwandelt schmutzige Orte in märchenhafte Schlösser, während Opium die Unermesslichkeit erweitert und die Seele mit dunklen, kranken Genüssen füllt. Beide Substanzen dienen als Flucht aus der Realität und bieten eine temporäre Erlösung von den Sorgen des Lebens. Die letzten beiden Strophen konzentrieren sich auf die zerstörerische Wirkung der geliebten Frau. Ihr Blick, verglichen mit tiefen, gramerfüllten Seen, spiegelt die Seele des Dichters verzerrt und zitternd wider. Ihr Mund, als das größte Gift beschrieben, weckt und stillt tiefe Bitterkeit, lehrt schamloses Vergessen und treibt den Geist zur Hölle. Die Frau wird als Quelle sowohl des Schmerzes als auch der Erlösung dargestellt, die den Dichter in einen Zustand des Wahnsinns und der Verzweiflung versetzt.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Metapher
Und mit dem irren Geist taumelnd zur Hölle fährt
Personifikation
Der Wein verwandelt oft die schmutzigsten Spelunken
Vergleich
Wie eine Sonne, die versinkt in Nebelnacht