Das Gewitter

Elisabeth Kulmann

unbekannt

In wellenloser Stille Lag, eine blaue Ebne, Das Meer vor uns. Im Schooße Des Meeres schlief ein Riese. Da kam der Wind und weckte Mit seiner Flügel Ende Den Riesen auf. Voll Unmuths Erhob er sich am fernen Bewölkten Himmelsrande. Mit der erzürnten Scheitel Berühret er die Wölbung Des glanzberaubten Himmels. Es hatten schwarze Wolken Die Sonne schon verschlungen. Da treibt im Zorn der Riese Sie nach dem andern Ende Des Himmels hin. Bald haben Der Erde sie den Anblick Des Aethers ganz entzogen. Ringsum ist Nacht; nur schwärzer Und schauderhafter ist sie Im Westen, wo der Riese In ungeheurer Größe, Wie ein Gespenst, emporragt. Itzt öffnet unvermuthet Das grause Ungeheuer Den Flammenschlund, und schrecklich Ertönt sein wüthend Brüllen. Es beben Erd′ und Himmel Vor Grauen und Entsetzen. Nach einer kurzen Weile Eröffnet er von neuem Den ungeheuern Rachen, Und eine Feuerschlange Entstürmt dem grausen Schlunde Und stürzt voll Wuth in′s Meer sich. Da, wo die Feuerschlange Sich in die Wogen stürzte, Spritzt, neugefallnem Schnee gleich, Und dick und hoch, wie eine Der Himmelssäulen, Meerschaum Empor bis an die Wolken, Entsetzlich ist das Toben Des Meeres und sein Schlagen An seine Felsenufer. Noch schauderhafter aber Ist das Gebrüll des Riesen, Deß Rachen eine Schlange Entstürzet nach der andern, Bei deren Anblick schaudernd Der Mensch zurückebebet. Itzt stürzt sich eine Schlange Auf die nicht ferne Waldung, Und frißt die höchste, ältste Und umfangreichste Eiche, Als wär′ sie eine Garbe. Da schien des Riesen Rache Gesättigt. Er zerreißet Mit allgewalt′gen Händen Die aufgethürmten Wolken; Es zeigt auf′s neu der Himmel Sein heitres Aug′ dem Menschen; Es lösen sich die Wolken In Regen auf, der stromweis Herniederfällt, das lecke, Geborstne Land zu tränken; Es steigt, wie aus dem Bade, Die Sonn′ in vollerm Glanze: Erneuert scheint die Erde.

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Illustration zu Das Gewitter

Interpretation

Das Gedicht "Das Gewitter" von Elisabeth Kulmann beschreibt ein Gewitter als eine mächtige, beinahe mythische Naturgewalt. Die Autorin personifiziert das Gewitter als einen schlafenden Riesen, der im Schoß des Meeres ruht und durch den Wind geweckt wird. Der Riese erhebt sich am Horizont, berührt mit seinem erzürnten Haupt den Himmel und verschlingt die Sonne mit schwarzen Wolken. Das Gewitter wird als eine gewaltige, bedrohliche Erscheinung dargestellt, die die Erde in Dunkelheit hüllt und Furcht und Entsetzen verbreitet. Die Intensität des Gewitters steigert sich durch die Beschreibung der Blitze als "Flammenschlund" und das Donnergrollen als "wüthendes Brüllen". Die Blitze werden als "Feuerschlangen" dargestellt, die aus dem Rachen des Riesen schießen und ins Meer stürzen. Der dadurch entstehende Meerschaum wird mit Neuschnee verglichen und steigt bis zu den Wolken empor. Das Toben des Meeres und sein Schlagen an die Felsen werden als entsetzlich beschrieben. Das Gedicht vermittelt eindrucksvoll die gewaltige Kraft und die bedrohliche Schönheit eines Gewitters. Im letzten Teil des Gedichts scheint die Wut des Gewitters zu vergehen. Der Riese zerreißt die Wolken mit seinen allgewaltigen Händen und der Himmel zeigt sein heiteres Auge dem Menschen. Die Wolken lösen sich in Regen auf, der das Land tränkt. Die Sonne steigt in vollem Glanz auf und erneuert die Erde. Das Gedicht endet mit einem Hauch von Hoffnung und Erneuerung nach dem gewaltigen Naturschauspiel.

Schlüsselwörter

wolken riese riesen meer meeres ende voll himmels

Wortwolke

Wortwolke zu Das Gewitter

Stilmittel

Metapher
Die Erde als 'erneuert'
Personifikation
Die Erde als 'tränken'