Das Gewitter

Gustav Benjamin Schwab

1828

Urahne, Großmutter, Mutter und Kind In dumpfer Stube beisammen sind; Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt, Großmutter spinnet, Urahne gebückt Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl - Wie wehen die Lüfte so schwül!

Das Kind spricht: “Morgen ist’s Feiertag, Wie will ich spielen im grünen Hag, Wie will ich springen durch Thal und Höh’n, Wie will ich pflücken viel Blumen schön; Dem Anger, dem bin ich hold!” - Hört ihr’s, wie der Donner grollt?

Die Mutter spricht: “Morgen ist’s Feiertag, Da halten wir alle fröhlich Gelag, Ich selber ich rüste mein Feierkleid; Das Leben es hat auch Lust nach Leid, Dann scheint die Sonne wie Gold!”- Hört ihr’s, wie der Donner grollt?

Großmutter spricht: “Morgen ist’s Feiertag, Großmutter hat keinen Feiertag, Sie kochet das Mahl, sie spinnet das Kleid, Das Leben ist Sorg’ und viel Arbeit; Wohl dem, der tat, was er sollt’!”- Hört ihr’s, wie der Donner grollt?

Urahne spricht: “Morgen ist’s Feiertag, Am liebsten morgen ich sterben mag: Ich kann nicht singen und scherzen mehr, Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer, Was tu’ ich noch auf der Welt?” - Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?

Sie hören’s nicht, sie sehen’s nicht, Es flammet die Stube wie lauter Licht: Urahne, Großmutter, Mutter und Kind Vom Strahl miteinander getroffen sind, Vier Leben endet ein Schlag - Und morgen ist’s Feiertag.

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Illustration zu Das Gewitter

Interpretation

Das Gedicht "Das Gewitter" von Gustav Benjamin Schwab beschreibt eine Familie, die in einer stickigen Stube beisammen sitzt. Die Generationen sind durch ein gemeinsames Schicksal verbunden, das durch das Gewitter symbolisiert wird. Die verschiedenen Generationen äußern ihre Wünsche und Sehnsüchte für den nächsten Tag, der ein Feiertag sein soll. Das Kind freut sich auf das Spielen und Springen, die Mutter auf das fröhliche Gelage, die Großmutter auf die Arbeit und der Urahne auf den Tod. Doch keiner von ihnen hört oder sieht das herannahende Gewitter. Das Gewitter trifft die Familie und beendet ihr Leben. Die letzte Zeile des Gedichts, "Und morgen ist's Feiertag", verdeutlicht die Ironie des Schicksals. Der Feiertag, auf den sich die Familie gefreut hat, wird zum Tag ihres Todes.

Schlüsselwörter

morgen feiertag großmutter urahne mutter kind spricht will

Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Die Wiederholung von "Morgen ist's Feiertag" am Anfang der Reden der Urahne, Großmutter, Mutter und Kind.
Ironie
Die Ironie, dass alle vier Generationen am Feiertag durch einen Blitzschlag sterben, obwohl sie sich auf den Tag gefreut haben.
Kontrast
Der Kontrast zwischen der Vorfreude auf den Feiertag und dem plötzlichen, tragischen Ende durch den Blitz.
Personifikation
Die Winde "wehen" und die Sonne "scheint" wie Gold, was ihnen menschliche Eigenschaften verleiht.
Rhetorische Frage
Die wiederholte Frage "Hört ihr's, wie der Donner grollt?" und "Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?".
Synästhesie
Die Kombination von "Urahne, Großmutter, Mutter und Kind" in einem Atemzug.
Vorausdeutung
Die wiederholten Fragen nach dem Donner und Blitz deuten auf das bevorstehende Gewitter hin.
f, je, und 's hört ebe doch nit uf.
Reimschema
Der Vogel schwankt so tief und still, er weiß nit, woner ane will.
Vergleich
Wie zuckt's dur's Gwülch so füürig rot, und 's chracht und stoßt, es isch e Gruus, daß d'Fenster zitteren und 's Hus.