Das Gewitter

Heinrich Christian Boie

1744

»Chloe, siehst du nicht voll Grausen Dort die Donnerwolken ziehn? Hörst du nicht die Winde brausen? Laß, Geliebte, laß uns fliehn. Wo das breite Dach der Buchen Eine Zuflucht uns verspricht, Eile sie mit mir zu suchen!« - Chloe schwieg und eilte nicht.

Eine Hirtin, die die Liebe, Sich und ihren Schäfer kennt, Gerne treu der Tugend bliebe Und doch heimlich für ihn brennt, Siehet überall Gefahren, Trauet nie des Schäfers Wort. Wenn hier Blitze schrecklich waren, War es ihr Alexis dort.

Aber schwarz und schwärzer immer Zieht das Wetter sich herauf. Alles ist ein falber Schimmer, Lange Donner folgen drauf. Zweifelnd noch in dem Entschluße Geht sie, bleibt sie wieder stehn: Furcht heißt sie mit einem Fuße, Liebe mit dem andern gehn.

Jetzo schon auf halbem Wege Hält sie plötzlich wieder ein. Regen, Sturm und Donnerschläge Treiben sie zuletzt hinein. Lachend sieht sie Amor eilen Und sein Blick begleitet sie. Man entgeht des Blitzes Pfeilen, Aber Amors Pfeilen nie.

Endlich bei des Mondes Scheine Kehrte mit verstörtem Blick, Chloe langsam aus dem Haine An Alexis Arm zurück. Nachtigallen sangen Lieder, Duftend lag die Flur umher, Ruhig war der Himmel wieder, Nur ihr Herz war es nicht mehr.

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Illustration zu Das Gewitter

Interpretation

Das Gedicht "Das Gewitter" von Heinrich Christian Boie handelt von der inneren Zerrissenheit der jungen Hirtin Chloe, die zwischen Angst und Liebe hin- und hergerissen ist. Der äußere Gewittersturm spiegelt ihre innere Unruhe und ihre Sehnsucht nach Alexis wider. In der ersten Strophe warnt Alexis Chloe vor dem nahenden Gewitter und möchte mit ihr Schutz suchen. Doch Chloe bleibt zögernd zurück, da sie als verliebte Hirtin die Gefahren überschätzt und Alexis' Wort nicht traut. Ihre Liebe zu Alexis ist stärker als ihre Furcht vor dem Sturm. Die zweite Strophe beschreibt Chloes inneren Konflikt. Sie geht zögernd, bleibt wieder stehen, ein Fuß in der Furcht, der andere in der Liebe. Der äußere Sturm spiegelt ihre innere Zerrissenheit wider. Erst als der Regen und Donner sie treiben, flüchtet sie ins Gebüsch, wo sie von Amor erwartet wird. Sie entkommt den Blitzpfeilen, nicht aber Amors Pfeilen, der für ihre Liebe zu Alexis steht. In der letzten Strophe kehrt Chloe nach dem Gewitter gestört zu Alexis zurück. Die Natur ist wieder ruhig, doch Chloes Herz ist es nicht mehr. Die Nachtigallen singen und die Flur duftet, aber Chloe ist innerlich erschüttert von ihrem Erlebnis. Das Gedicht endet mit dem Hinweis, dass ihre Liebe zu Alexis trotz aller Furcht gesiegt hat.

Schlüsselwörter

chloe laß liebe nie alexis blick pfeilen siehst

Wortwolke

Wortwolke zu Das Gewitter

Stilmittel

Bildsprache
Duftend lag die Flur umher
Kontrast
Ruhig war der Himmel wieder, / Nur ihr Herz war es nicht mehr
Metapher
Dort die Donnerwolken ziehn
Personifikation
Winde brausen
Symbolik
Amors Pfeilen