Das Gespenst
Bösen Engeln will ich gleichen,
Fahlen Blicks mich zu dir schleichen,
Gleiten an dein Lager sacht,
Wie ein Schattenspuk der Nacht.
Schenken dir zu tausend Malen
Küsse kalt wie Mondesstrahlen,
Wie die Schlange schlüpfrig feucht,
Die um Gruft und Steine kreucht.
Kommt der bleiche Tag daher,
Ist die Stelle kalt und leer
Bis die Abendnebel brauen. –
Wenn es Andrer Kunst gelingt,
Dass dich Zärtlichkeit bezwingt,
Will ich Herr sein durch das Grauen.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Das Gespenst“ von Charles Baudelaire ist eine düstere Erkundung der dunklen Seite der Liebe und der Macht des Bösen. Es zeichnet das Bild eines Liebhabers, der sich bewusst in die Rolle eines bösen Engels oder eines Gespenstes begibt, um die Geliebte zu verführen und zu besitzen. Die Strophen entfalten eine unheimliche Atmosphäre, in der Kälte, Grausamkeit und die Überwindung von Zärtlichkeit durch das Grauen zentrale Motive sind.
In den ersten beiden Strophen beschreibt der Sprecher seine Annäherung an die Geliebte in einer Art nächtlichen Überfalls. Er vergleicht sich mit einem „Schattenspuk der Nacht“, der sich heimlich anschleicht und kalte Küsse verteilt, die an Mondesstrahlen erinnern. Diese kühle Distanz und die Assoziation mit der Schlange, die um Grabstellen kriecht, deuten auf eine perverse Art der Zuneigung hin, die von Finsternis und dem Tod geprägt ist. Hier wird nicht die Wärme und das Licht der Liebe angestrebt, sondern die kalte, dunkle Seite der Emotionen.
Die dritte Strophe markiert eine Zäsur, indem sie die Leere und Kälte der Nacht beschreibt, die zurückbleibt, wenn der Tag anbricht. Dieses Bild der Leere unterstreicht die Zerstörung, die der „Gespenst“-Verehrer hinterlässt. Es wird angedeutet, dass seine „Liebe“ nur für die Nacht existiert und im Licht der Realität verblasst. Die abschließende Strophe offenbart das eigentliche Ziel des Sprechers: die Überlegenheit durch Grauen.
Das Gedicht gipfelt in der Aussage, dass er, wenn andere versuchen, die Geliebte mit Zärtlichkeit zu erobern, seine Herrschaft durch das Grauen ausüben will. Dies zeigt eine radikale Ablehnung der konventionellen Liebe und die Hinwendung zu einer destruktiven Machtdynamik. Baudelaire entwirft hier eine erschreckende Vision der Liebe als Kampf, in dem die grausamste Taktik den Sieg garantiert. Das „Gespenst“ wird zum Sinnbild einer zerstörerischen Leidenschaft, die das Opfer mit Kälte und Furcht gefangen nimmt.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.