Das Gesicht der Natur
unknownWas unsern Sinn gefangen hält, Das spiegelt uns zurück die Welt. Wir schauen unsre Lust und Pein In′s Antliz der Natur hinein, Als wechsle Sonnenschein und Regen Am Himmel einzig unsertwegen, Als würd′ er blauer oder grauer Um unsre Lust, um unsre Trauer. Er schmeichelt uns, der stolze Wahn, Daß auf der ewig festen Bahn Nach uns, den kleinen Erdenwichten, Die Schritte der Natur sich richten. Sie schreitet weiter, kalt und groß, Wie taub und blind für unser Loos; Sie treibt vollkommen unbekümmert Was unser Glück erhöht, zertrümmert; Ihr Mitgefühl ist unsre Lüge, Ihr Antliz trägt Medusenzüge Die, seelenlos so schön sie scheinen, Nie weder lächeln weder weinen.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Gesicht der Natur" von Wilhelm Jordan thematisiert die menschliche Neigung, der Natur menschliche Züge und Gefühle zuzuschreiben. Der Mensch neigt dazu, in der Natur sein eigenes Innenleben widergespiegelt zu sehen und glaubt, dass die Natur auf seine eigenen Emotionen und Erlebnisse reagiert. Jordan kritisiert diese selbstzentrierte Sichtweise und bezeichnet sie als "stolzen Wahn". In den folgenden Strophen widerlegt Jordan diese menschliche Arroganz. Er stellt klar, dass die Natur ihren eigenen, unabhängigen Weg geht, unabhängig von den menschlichen Schicksalen. Die Natur ist "kalt und groß" und "taub und blind" für das menschliche Los. Sie verfolgt ihre eigenen Ziele, ohne Rücksicht auf das menschliche Glück oder Unglück zu nehmen. Das Gedicht endet mit einer eindrucksvollen Metapher: Das Gesicht der Natur trägt "Medusenzüge". Die Medusa, eine Gestalt aus der griechischen Mythologie, ist bekannt für ihren starren, ausdruckslosen Blick, der jeden, der ihn erwidert, in Stein verwandelt. Jordan verwendet diese Metapher, um die scheinbare Schönheit der Natur zu beschreiben, die jedoch ohne Seele und ohne die Fähigkeit zu lächeln oder zu weinen ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Als wechsle Sonnenschein und Regen Am Himmel einzig unsertwegen
- Metapher
- Ihr Antliz trägt Medusenzüge
- Personifikation
- Wie taub und blind für unser Loos