Das Gesellschaftliche

Friedrich von Hagedorn

1729

Ihr Freunde, zecht bei freudenvollen Chören! Auf! stimmt ein freies Scherzlied an. Trink′ ich so viel, so trink′ ich euch zu ehren, Und daß ich heller singen kann.

Der Rundtrunk muß der Stimmen Bund beleben, So schmeckt der Wein uns doppelt schön; Und ein Gesetz, nur eines will ich geben: Laßt nicht das Glas zu lange stehn.

Ihr Freunde! zecht, wie unsre Väter zechten: Sie waren alt und klug genung, Und manchen Zank, bei dem wir Söhne rechten, Ertränkten sie im Reihentrunk.

Sie thaten mehr: Saß nur an ihrer Seite Ein Kind voll holder Freundlichkeit: So gab dem Wein ein Schmätzchen das Geleite; So ward ein Glas dem Kuß geweiht.

Wie trostlos war der Zeiten erste Jugend, Als Thyrsis einer Phyllis sang; Und zum Geseufz von Leidenschaft und Tugend Mit ihr nur schwaches Wasser trank!

Die Nüchternheit, die Einfalt blöder Liebe, Verlängerten der Schäfer Müh′: Wir trinken Wein, befeuren unsre Triebe Und küssen muthiger, als sie.

Lockt uns kein Laub in ungewisse Schatten, So baut man Dach und Zimmer an, Die manchem Kuß mehr Sicherheit verstatten, Als Forst und Busch ihm leisten kann.

Der süße Reiz der ewig jungen Freude Wird stets durch Lieb′ und Wein vermehrt. Wenn ich den Scherz und den Tockayer meide, So sagt: Bin ich der Jugend werth?

Wie eisern sind doch ohne dich die Zeiten, O Jugend, holde Führerin! Bereite hier den Sitz der Fröhlichkeiten Und banne Frost und Eigensinn!

Gesellt euch! stillt mit angeerbtem Triebe Den Durst nach Küssen und nach Wein. Es eifert schon der Weingott mit der Liebe, Den besten Rausch uns zu verleihn.

Doch soll man nicht den ersten Schäfern gleichen? O freilich ja! Folgt ihrer Pflicht: Des Abends Lust, der Nächte Freundschaftszeichen Verrieth ein rechter Schäfer nicht.

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Illustration zu Das Gesellschaftliche

Interpretation

Das Gedicht "Das Gesellschaftliche" von Friedrich von Hagedorn ist ein lebensfrohes Loblied auf die Freuden des geselligen Beisammenseins, insbesondere des Trinkens und der Liebe. Der Dichter ruft seine Freunde dazu auf, bei fröhlichen Gesängen zu zechen und Wein zu trinken, um ihre Stimmen zu beleben und die Stimmung zu heben. Er betont, dass der Rundtrunk den Gesang und den Genuss des Weins verstärkt und ermutigt seine Freunde, nicht zu lange mit dem Trinken zu warten. Hagedorn zieht einen Vergleich zu den Vätern, die ebenfalls gerne zechten und dabei Streitigkeiten beilegen konnten. Er erwähnt auch, dass sie beim Anblick eines Kindes voller Freundlichkeit dem Wein ein "Schmätzchen" folgen ließen und einem Kuss ein Glas Wein weihten. Der Dichter kontrastiert diese freudige Zeit mit der trostlosen Jugend der Vergangenheit, als die Menschen nur Wasser tranken und sich in einfache Liebe und Tugend flüchteten. Er betont, dass Wein die Triebe anfeuert und zu mutigeren Küssen führt. Das Gedicht endet mit einem Aufruf zur Jugend, die Freude und Fröhlichkeit zu bringen und Frost und Eigensinn zu vertreiben. Hagedorn ermutigt seine Freunde, ihrem angeborenen Trieb nach Küssen und Wein nachzugeben und sich von den Weingöttern und der Liebe in den besten Rausch versetzen zu lassen. Er betont auch die Bedeutung der Treue und des Vertrauens in der Freundschaft, indem er sagt, dass ein echter Schäfer die Freudenzeichen des Abends und der Nacht nicht verraten würde.

Schlüsselwörter

wein jugend freunde zecht trink kann glas unsre

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
So ward ein Glas dem Kuß geweiht
Anapher
Ihr Freunde, zecht bei freudenvollen Chören! Auf! stimmt ein freies Scherzlied an.
Hyperbel
Und manchen Zank, bei dem wir Söhne rechten, Ertränkten sie im Reihentrunk
Metapher
Der Rundtrunk muß der Stimmen Bund beleben
Personifikation
Der süße Reiz der ewig jungen Freude wird stets durch Lieb′ und Wein vermehrt
Rhetorische Frage
Wenn ich den Scherz und den Tockayer meide, so sagt: Bin ich der Jugend werth?
Vergleich
Wie eisern sind doch ohne dich die Zeiten